Stephan Ossenkopp

Alexander Rahr: Drang nach Asien

Zur Person: Alexander Rahr, Jahrgang 1959, ist Osteuropa-Historiker, Unternehmensberater, Politologe und Publizist. Er arbeitete u.a. als Analytiker für Radio Liberty, die Rand Corporation und für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit Arbeitsschwerpunkt Russland, Ukraine, Belarus und Zentralasien. Rahr saß von 2004 bis 2015 im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs. Seit 2012 ist er Projektleiter des Deutsch-Russischen Forums. Er ist Mitglied des russischen Valdai Clubs und des ukrainischen Netzwerkes Yalta European Strategy (YES). Rahr ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und Ehrenprofessor der Moskauer Diplomatenschule und der Higher School of Economics in Moskau. 2019 erhielt Rahr den Freundschaftsorden der Russischen Föderation für sein Engagement für die deutsch-russischen Beziehungen.

Ein Kommentar von Prof. Alexander Rahr

Die NATO hat beschlossen, sich nach Asien auszubreiten und China einzudämmen. NATO-Mitglieder werden den US-Militäraufmarsch im Südchinesischen Meer jetzt unterstützen müssen. So will es der neue „Römische Imperator“ und Anführer des Westens, Joe Biden. Eine chinesische Reaktion auf den westlichen Vormarsch steht noch aus, der Westen rechnet offensichtlich, immer noch beseelt vom Triumphalismus nach dem Sieg im Kalten Krieg, gar nicht mit ernsten Hindernissen in Asien.

Was die NATO-Strategen nicht begreifen, ist, dass sie mit ihrem Vorgehen nur die Bildung eines chinesisch-russischen Verteidigungsbündnisses provozieren. China wird sich gegen eine militärische Infrastruktur entlang seiner Grenzen genauso zur Wehr setzen wie Russland. Wladimir Putin hatte 2007 auf der Münchner Sicherheitskonferenz gegenüber der NATO die „roten Linien“ gezogen. Seine Reaktion auf Versuche, die NATO auf das postsowjetische Gebiet zu verlagern, sind bekannt: Georgien verlor im Krieg seine abtrünnigen Territorien Abchasien und Südossetien. Die Ukraine verlor die Krim und Teile der Ostukraine.

Möglicherweise wird es jetzt Taiwan ähnlich ergehen wie seinerzeit der Krim. China wird jetzt mit noch größerer Härte gegen die Bevölkerung der Uighuren und gegen Proteste in Hongkong vorgehen.

Biden will die amerikanische Führungsmacht durch das Errichten von Feindbildern und die Schwächung von Rivalen in der Weltwirtschaft festigen. Den Europäern bleibt nur zu gehorchen und die Pax Americana zu unterstützen. Neutralität im amerikanisch-chinesischen Wettstreit um den Einfluss in der Welt wäre ihnen von Seiten der USA als Verrat ausgelegt worden. Erschreckend ist trotzdem mit anzusehen, wie widerspruchslos und hörig die europäischen Verbündeten einer Verlagerung der NATO-Interessen nach Asien zugestimmt haben. Und das in einer Zeit, wo sich die NATO gerade geschlagen aus Afghanistan zurückzieht und den Mittleren Osten den Russen und Chinesen überlassen muss.

Biden will, dass der Westen der chinesischen Seidenstraßen-Expansion mit einer Gegenstrategie begegnet. USA und EU haben aber die Entwicklung in Eurasien längst verschlafen. Die Länder, durch die China die Seidenstraße nach Westen legt, brauchen Kredite und Geld – keinen Demokratietransfer, den der Westen leisten will. Weder USA noch die EU können finanziell mit China mithalten. Auch in Afrika besitzen die Chinesen längst in Wirtschaftsprojekten die Oberhand. Der Westen hat beim „arabischen Frühling“ in Afrika versagt, ein Trümmerfeld hinterlassen.

Die Europäer reden mit einem Mal nicht mehr von einer Emanzipation von den USA. Von einer europäischen Armee und eigenem sicherheitspolitischen Handeln ist keine Rede mehr. Es ist verrückt, aber es entsteht der Eindruck, als ob die größten Feinde des kollektiven Westens nicht der islamische Terrorismus oder der historische Klimawandel, sondern der böse Trump (der die NATO für obsolet erklärt hatte), Putins Hacker-Trolle und die Wirtschaftsdominanz Chinas sind. In Wirklichkeit beobachten wir nichts anderes, als das Schönreden einer vergangenen „heilen Welt“. Der Westen wird die unipolare Weltordnung unter der Führung der USA nicht in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts herüberretten können. Vor unseren Augen konfiguriert sich gerade die neue multipolaren Weltordnung – in der der Transatlantische Block mit einer neuen eurasischen Gegenmacht konfrontiert sein wird.

Es wäre klug gewesen, die Entstehung der polyzentrischen Weltordnung weniger durch das Blasen zum „letzten Gefecht“ gegen die „Diktatoren dieser Welt“, wie es die NATO jetzt tut, zu begleiten. Besser wäre es gewesen, auf Kooperation bei den wirklich wichtigen Herausforderungen der neuen Welt zu setzen, zum Beispiel einen verstärkten gemeinsamen Umweltschutz mit Russland und China. Um China wirkungsvoll zu begegnen, muss der Westen an die in Eurasien schon vorhandenen Institutionen andocken, nicht versuchen, diese zu ersetzen. Eine Partnerschaft EU – Eurasische Wirtschaftsunion ist von Nöten. In Konfrontation mit China und Russland, wie es der liberale Westen heute vorhat, wird sich keine stabile Weltordnung herausbilden.

Es ist erschreckend, wie westliche Medien und herkömmlichen Think Tanks die Wiedergenesung des Transatlantismus feiern, ohne die Konsequenzen des militärischen Vorrückens nach Asien zu bedenken. Es ist doch in Wirklichkeit nichts anderes als das Gesundbeten einer pro-westlicher Weltordnung, die vergangen ist. Der Satz von Boris Johnson: die NATO steht nicht nur für den Schutz von Territorien sondern für den Schutz der (westlichen) Lebensweise, wird in anderen Teilen der Welt als Kampf der Zivilisationen gedeutet. Der Westen benötigt alternative Handlungsoptionen, die weniger auf Ideologie und Moral als auf Interessenausgleich setzen. Es tut im Herzen weh, den einst so mächtigen und stolzen Westen in so einer strategischen Armut zu sehen.

Dieser Kommentar erschien ursprünglich am 15. Juni 2021 auf der Webseite www.russlandkontrovers.com und wird hier mit Genehmigung des Autors veröffentlicht.

Uwe Leuschner: Ich bin besorgt um die Beziehungen zwischen der EU und Russland

Uwe Leuschner während des Online-Gesprächs / Foto: Screenshot)

Zur Person: Uwe Leuschner ist Spezialist für Eurasische Wirtschaftskorridore und seit Nov. 2011 Mitglied im Vorstand des Wirtschaftsclub Russland e.V. mit Standorten in Berlin und Moskau. Bis vor kurzem war Leuschner beim internationalen Transport- und Logistikunternehmen DB Cargo (ehemals DB Schenker Rail) beschäftigt, und zwar als Geschäftsführer der DB Cargo Eurasia GmbH, General Manager der DB Cargo Russia, und zuletzt als Senior Vice President Business Development Eurasia der DB Cargo AG an den Standorten Moskau, Berlin und Frankfurt.

Stephan Ossenkopp (auf das Hintergrundbild anspielend): Sie haben aber eine interessante Hintergrundgrafik gewählt.

Uwe Leuschner: Einer meiner Grundpfeiler, um „Eurasia“ oder „Corridor“ zu erklären, ist, dass ich sage: wir müssen einfach begreifen, eine neue Geographie in unsere Köpfe zu kriegen. Die Geographie, die wir in unserer Generation mal gelernt haben, war: da gibt es links Amerika, in der Mitte Europa und rechts gibt es Asien, und da ist ein großer Ozean dazwischen, den aber niemand verschiebt. Das zweite, was wir gelernt haben, das war die politische Karte: da gibt es die roten, die blauen, die braunen, die grünen und die gelben Länder. Auch das kriegen wir nicht aus den Köpfen weg, denn wir wollen ja politisch korrekt sein, und Grenzen sind unantastbar. Deshalb müssen wir heute lernen, was „konnektive Geografie“ ist, das sind Internetkabel, Flugverbindungen, Straßen- und Schienenverbindungen, also alles, was diese Welt miteinander verbindet und wo es keine Grenzen mehr zu sehen gibt. Es gibt dazu einige Karten, die findet man im Internet, aber die sind nicht so populär.

Ossenkopp: Diese Konnektivitäts-Geografie ist sicherlich nicht in jedermanns Kopf. Wie würden Sie die beschreiben?

Leuschner: Es sind einfach Verbindungen. Es sind Kabel, es sind Verbindungen von Menschen, von Wirtschaftsgebieten, Regionen, von Kulturen, auf unterschiedlichen Ebenen, über Kommunikation, über Transportlinien und -wege für Menschen und Güter. Natürlich sind es auch Energieverbindungen, also Pipelines, Elektrotrassen und Energieverbreitungstrassen. Das, was im Leben auf dieser Welt eine Rolle spielt, das ist Kommunikation, das ist Mobilität und das ist Energieübertragung. Darum geht es eigentlich. Alles andere ist viel heiße Luft um viel Nichtwissen herum.

Ossenkopp: Diese Konnektivität ist natürlich explosiv angestiegen mit den technologischen Erfindungen der letzten hundert und mehr Jahre.

Leuschner: Die ist objektiv. Auf dieser Erde ist es eigentlich egal, wer wo ist. Das Internet hat es eigentlich vergegenständlicht, dass wir heute, egal wo, immer in Verbindung stehen können. Und das verbindet sie, denn diese Erde wird ja bewohnt von Menschen, und nicht von irgendwelchen Nachrichten oder von irgendwelchen toten Gegenständen.

Ossenkopp: Es gibt ja einige, die wollen diese Verbindungen auftrennen. Dies fußt überwiegend auf einer politischen Ideologie, die man im Falle von USA-China auch Decoupling, oder Abkopplung, nennt. Das stößt aber an die physikalische Realität. Die Vernetzungen lassen sich doch nicht einfach so durchschneiden.

Leuschner: Es geht natürlich immer um Interessen. Diese Interessen sind alt und vielleicht an manchen Stellen komplex verquickt und nicht immer sofort zu erkennen. Sie sind aber trotzdem da und sie sind noch nachvollziehbar. Menschen verhalten sich aus Interessen. Es war für mich sehr interessant, dass die Österreicher in ihrem eigenen Land nach Tirol eine Grenze ziehen, weil dort in Tirol in der Regierung Leute sitzen, die für die Schwebebahn und das gesamte Management in den Winterferien zuständig sind. Und die haben das Sagen, und sie wollen trotz Corona den Laden nicht dicht machen. Also, es ist so absurd, wo es schlichtweg nur um Gewinne und Kapitalismus geht, und um die verquickten Interessen dahinter, und wo dann das große Ganze an zwei oder drei Leuten hängt, die sagen: „Wir reden zwar schön drüber, aber wir tun etwas anderes“.

Ossenkopp: Wie ist denn vom Standpunkt eines erfahrenen Wirtschaftsverbandsmanagers, also jemand, der sich in vielen Ländern – Russland, Osteuropa, China – auskennt, die aktuelle Lage der russisch-europäischen Beziehungen?

Leuschner: Ich sage ganz ehrlich: ich bin besorgt. Ich habe gerade erfahren – ich kann das mal vorlesen: „Russland ist auf einen Abbruch der Beziehungen mit der Europäischen Union vorbereitet, erklärt Russlands Chefdiplomat Lawrow in einem Interview mit dem Russischen Journalisten Vladimir Solowjow. Einen möglichen Auslöser für einen solchen Abbruch der Beziehungen sieht Lawrow in weiteren Aktionen seitens der EU, die Russlands Wirtschaft weiter schädigen können. Der Außenminister merkte an, dass Russland im militärischen Bereich bereits völlig autark ist, und dass dieselbe Situation auch für seine Wirtschaft anzustreben gilt. Auf die Frage, ob Russland auf einen Beziehungsabbruch mit der EU zuschreite, antwortete Lawrow: ‚Gehen wir davon aus, dass wir bereit sind, in dem Fall, dass wir sehen, dass auf irgendwelchen Gebieten Sanktionen verhängt werden, die unserer Wirtschaft weiteren Risiken aussetzt, auch in den empfindlichsten Bereichen, dann ja. Wir wollen uns nicht vom globalen Leben isolieren, aber man muss darauf vorbereitet sein: wer Frieden will, der rüstet sich zum Krieg.’“

Das sind Worte von einem russischen Außenminister, die hat man seit Jahrzehnten nicht gehört. Sie sind auf der einen Seite eine Aktion, auf der anderen Seite natürlich eine Reaktion. Und dieses gesamte Bild, das zieht sich ja auch durch wirtschaftliche Kreise. Viele deutsche Unternehmen, die in Russland immer ausgeharrt haben und alle Krisen der letzten zwanzig Jahre nicht zum Anlass genommen haben, sich aus Russland raus und wieder zurück zu orientieren, die denken heute darüber nach, ob ihr Engagement wirklich für die Zukunft sinnvoll ist. Schlussendlich geht es darum, kein Geld zu verlieren und irgendwie auch etwas zu gewinnen und in einer zielstrebigen Kooperation für sich selber, also für den Markt, etwas Positives zu erzielen. Diese Bedingungen sind von diesem politischen Konfliktdenken und -handeln der Politiker stark beeinflusst. Und ich befürchte, die EU, die ja nach wie vor keinen einheitlichen Kurs hat, wird versuchen, den Amerikanern wieder zu gefallen – und den Amerikanern gefallen heißt, sich von Russland abzugrenzen. Das ist eine riesengroße Gefahr. Das hat auch etwas mit kultureller Geschichte zu tun – auch das Verhältnis der Russen zu den Chinesen ist sehr – nicht unbedingt belastet, aber ich sage mal – beeinflusst davon, dass es sich nicht schnell so herausbildet, wie es sich der eine oder andere gedacht oder es sich gewünscht hat. Im Prinzip sind wir aktuell in einer Situation, wo sich die Chinesen isolieren und sich die Russen isolieren, wo wir in Europa aber immer noch nicht so richtig wissen, was wir eigentlich wollen. Die Krise des Liberalismus in Amerika und auch in Europa zeigt, dass dieser Findungsprozess kein schneller ist. Damit glaube ich, dass die eisigen Zeiten für die kommenden Monate oder Jahre wahrscheinlich leider Gottes andauern.

Ossenkopp: Ist das Umdenken bei den deutschen Unternehmen einfach wegen der Länge der sich hinziehenden Sanktionen und Spannungen umgeschlagen, oder gab es einen bestimmten Bruchpunkt?

Leuschner: Die Sanktionen gibt es seit 2014, und sie sind ja eigentlich zwischen den Unternehmen, die immer noch aktiv sind, bewältigt. Aber das, was mit Corona entstanden ist, ist eine Situation, wo auch deutsche Geschäftsleute nicht mehr nach Russland fahren können. Das heißt, es gibt ja im Prinzip einen kompletten Boykott, unter welchem Deckmantel auch immer. Geschäftsbeziehungen halten sich nur über Menschen und über Vertrauen, das die Menschen miteinander aufbauen oder sich sichern oder haben. Wenn über Monate, vielleicht sogar Jahre, dieser Kontakt ausgesetzt wird – wenn man sagt, man macht es nur noch im online-Format – dann ist das nicht gerade etwas, was die Dinge nach vorne bringt und wo sie sich bestmöglich auf einem gewissen Stand beibehalten oder fortführen lassen. Irgendwann wackelt oder bricht die Substanz. Keine internationalen Unternehmen haben die Chance, zu einer Messe nach Russland zu fahren, oder sich in den Regionen um viele programmatische Ansätze zu kümmern mit wirklichen progressiven und guten Angeboten, denn die werden gar nicht mehr bekannt. Es gibt zwar die Botschaft oder die Außenhandelskammern, aber das ist ja keine – Entschuldigung – realwirtschaftliche Prozessführung, um Geschäfte zu machen, sondern eigentlich nur um Investitionen wieder auf den Weg zu bringen in Richtung Russland trotz aller Sanktionen. Aber nur von der realen Wirtschaft lebt so ein Kreislauf und jeglicher Austausch, und der ist sehr stark beeinträchtigt.

Dies ist der erste eines mehrteiligen Interviews. Im zweiten Teil geht es unter anderem um die Neue Seidenstraße / Eurasische Landbrücke.

Traurige Nachrichten aus der Ukraine

Stepan Bandera Fackelzug in Kiew aus Anlass seines Geburtstages am 1. Januar 2020. (Foto: Андрій Бондаренко / Flickr)

Ein Kommentar von von Dr. Christian Müller.

Zum Autor: Dr. Christian Müller ist ein Schweizer Staatsrechtler, Journalist und international tätiger Verlagsunternehmer.

Vor wenigen Tagen hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit einem eigenmächtigen Federstrich die drei privaten ukrainischen Fernsehstationen NewsOne, 112 und ZIK geschlossen, die politisch die Linie der Partei «Für das Leben» vertreten haben. Die Partei «Für das Leben» gehört in derUkraine zur Opposition, sie ist im 450-köpfigen Parlament mit 44 Abgeordneten vertreten. Die englischsprachige Tageszeitung Kyiv Post[1] begrüßte die Schließung, da diese drei Sender russische Propaganda verbreitet hätten, wie sie schrieb. Immerhin publizierte sie auch kritische Stimmen[2].

Matthew Schaaf etwa, der Leiter des ukrainischen Büros von Freedom House, meinte: „Die Sperrung der ukrainischen TV-Kanäle durch Wolodymyr Selenskyj ist ein großer Schritt. Es ist schwer zu sehen, wie dies mit internationalen Meinungsfreiheit-Standards, denen die Ukraine zugestimmt hat, übereinstimmen könnte. Der Schlüssel zur Beurteilung, ob die Sanktionen gegen Viktor Medwedtschuks TV-Sender den Menschenrechten genügen, ist davon abhängig, wie sie begründet werden. Bisher ist die offizielle Rechtfertigung mager.“

Die USA haben diesen außerordentlichen Schritt des ukrainischen Präsidenten allerdings wenig überraschend ausdrücklich begrüßt. Die westlich orientierte Informations- (und Propaganda-) Plattform Radio Free Europe / Radio Liberty wusste dagegen zu berichten[3], dieser Schritt habe bei der EU in Bezug auf die Hochhaltung der Meinungsfreiheit und Medienvielfalt immerhin Stirnrunzeln verursacht.

Wie die ukrainische Medien-Szene im Alltag aussieht, hat mittlerweile sogar das Europäische Parlament erkannt. In seiner Resolution[4]  vom 11. Februar 2021 steht zu den ukrainischen Medien zum Beispiel unter Punkt 71: [Das EU-Parlament] „ist besorgt über das sich verschlechternde Arbeitsumfeld für Medienvertreter, wovon Investigativjournalisten betroffen sind, die über Korruptions- und Betrugsfälle berichten; [es] missbilligt Handlungen aller Art, die darauf abzielen, die Arbeit von Journalisten einzuschränken, wozu beispielsweise die Einschränkung des Zugangs zu Informationen, strafrechtliche Ermittlungen, Druck zur Preisgabe von Quellen und Hetze – insbesondere die Hetze gegen unabhängige Medien – zählen.“ 

Der Grund, warum Staatspräsident Selenskyj die drei TV-Kanäle geschlossen hat, ist unschwer zu erraten. Selenskyj wurde im Mai 2019 als Hoffnungsträger mit 73 Prozent der abgegebenen Stimmen zum neuen Staatspräsidenten gewählt und seine Partei «Diener der Nation» hat im 450-köpfigen Parlament 245 Abgeordnete, 19 über dem absoluten Mehr. Selenskyj hatte versprochen, als erste Priorität den kriegerischen Konflikt im Donbass zu beenden. Dieser dauert nun schon fast sieben Jahre, bereits länger als der Zweite Weltkrieg gedauert hatte. Wirklich getan in dieser Sache hat Selenskyj allerdings kaum etwas (*). Aber auch sonst geht es den Ukrainern seither nicht besser, sondern vielen sogar schlechter. Entsprechend ist die Enttäuschung in der Bevölkerung. Gemäß den Resultaten der beiden Kiever Umfrage-Institute hat Selenskyjs Partei jetzt Anfang 2021 landesweit nicht einmal mehr 19 Prozent Zustimmung und damit sogar weniger als die Russland-freundliche Oppositionspartei «Für das Leben», deren Fernsehkanäle er jetzt geschlossen hat. In einem echt demokratischen Staat würde das zu Neuwahlen führen, in der Ukraine wird einfach weitergewurstelt.

Die Ukraine ist jetzt ein NATO-Partner

Unter Punkt 20 derselben Resolution des Europäischen Parlamentes „würdigt“ dieses „den einzigartigen Erfahrungsschatz und Sachverstand der Ukraine, begrüßt die Teilnahme der Ukraine an Missionen, Gefechtsverbänden und Operationen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP), ihre Beiträge zu EU-Gefechtsverbänden, ihre zunehmende Ausrichtung an den Feststellungen und Erklärungen der EU zu internationalen und regionalen Fragen sowie ihre Beiträge dazu und beglückwünscht die Ukraine zu ihrem neuen Status als Partnerstaat der NATO mit erweiterten Möglichkeiten.“ Womit einmal mehr klar zum Ausdruck kommt, dass es der EU nicht darum geht, der Ukraine wirtschaftlich auf die Beine zu helfen – die Ukraine mit ihren über 40 Millionen Einwohnern ist mittlerweile das ärmste Land Europas[5] –, sondern vor allem darum, militärisch Russland noch enger einzukreisen.

Ukrainisch und Englisch willkommen, Russisch verboten

Die konsequente Durchsetzung des neuen ukrainischen Sprachengesetzes wird immer absurder. Jetzt dürfen auch die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Läden und das Servierpersonal in den Restaurants selbst in den traditionell russischsprachigen Regionen im Süden und Osten der Ukraine die Kunden nur noch in ukrainischer Sprache bedienen, es sei denn, der Kunde verlange ausdrücklich,
russisch sprechen zu dürfen. Eine clevere Methode, auch gleich feststellen zu können, wer immer noch an seiner russischen Muttersprache festhält und also zu wenig Kiev-untertänig ist. Umgekehrt wird in der Armee die englische Sprache intensiv gefördert. Jetzt wird auch bei den Armee-Veteranen die englische (NATO-bedingt die amerikanisch-englische) Sprache propagiert und gefördert. Auch hierzu hatte die Kyiv Post eine ans Herz gehende Geschichte[6]. – Aus Sicht der mehrsprachigen Schweiz ist dies zwar alles ein Lacher, aber für die betroffenen Leute die nackte Tortur. Die eigene Muttersprache nicht mehr sprechen dürfen, und das vom eigenen Land so verordnet? Wo sind da die Rechte der Minderheiten?

Neofaschismus ist nicht mehr nur eine Randerscheinung

In fast allen großen Städten der Welt gibt es Straßen, die den Namen anderer Städte tragen. In Paris etwa gibt es die «Rue de Milan», die «Rue de Londres», die «Rue de Constaninople» oder auch, man mag staunen, die «Rue de Saint-Pétersbourg» und die «Rue de Moscou». Auch in Kiev gab es die für die Stadt wichtige «Avenue Moskau». Diese aber wurde im Jahr 2016 umgetauft – ausgerechnet in «Avenue Stepan Bandera». Stepan Bandera war im Zweiten Weltkrieg ein Nazi-Kollaborateur und Judenschlächter, wird aber vor allem im Nordwesten der Ukraine als Held verehrt. Nun hat das Verwaltungsgericht des Distrikts Kiev diese Umbenennung für illegal erklärt, aber der Stadtrat hat bereits Appellation gegen dieses Urteil angekündigt. Am 1. Januar 2021 wurde auch in Kiev der 112. Geburtstag von Stepan Bandera gefeiert, wie jedes Jahr mit Fackelzügen und Transparenten. Die westlichen Länder aber wollen diese Bilder nicht sehen und schauen weg. 

Nicht wegschauen tun verständlicherweise jüdische Publikationen. Forward hat eine umfangreiche Recherche unternommen und musste feststellen: „You’ll be shocked“[7]. In vielen osteuropäischen und auch in den beiden nordamerikanischen Ländern USA und Kanada sind neue Monumente zu Ehren Stepan Banderas und anderer Nazi-Größen entstanden. Besonders auffallend ist der Trend gemäß Forward in der Ukraine. Da Selenskyj selbst Jude ist, gibt es mittlerweile auch Befürchtungen, dass nach ihm der Antisemitismus erst recht zunimmt.

Die Ukraine liegt geographisch zwischen den osteuropäischen Staaten der EU und Russland. Aber nur rund 24 Prozent seiner Landesgrenzen sind Grenzen zu den EU-Staaten Polen, Slowakei, Ungarn und Rumänien, die anderen 76 Prozent der Landesgrenzen sind Grenzen zu Russland, Weißrussland und Moldawien. Das Land wäre prädestiniert gewesen, als Brückenstaat zu funktionieren. Die EU hat die Ukraine aber schon vor 2014 vor das Ultimatum gestellt, sich zwischen Osten und Westen zu entscheiden. Der Entscheid fiel an der vom Westen unterstützten sogenannten «Revolution der Würde» auf dem Kiever Maidan, bei der es zum Putsch gegen den gewählten Präsidenten Wiktor Janukowytsch kam. Heute, bald sieben Jahre später, lebt das Land zu einem substanziellen Teil von jenen Ukrainern, die im Ausland leben und arbeiten und einen Teil ihres Lohnes als Rimessen in ihre Heimat zurückschicken

Eine traurige Geschichte.

Der Artikel erschien am 15. Februar 2021 auf der Webseite Infosperber.ch

Alexander Rahr: Laschet soll schlecht über Russland reden

Alexander Rahr

Zur Person: Alexander Rahr, Jahrgang 1959, ist Osteuropa-Historiker, Unternehmensberater, Politologe und Publizist. Er arbeitete u.a. als Analytiker für Radio Liberty, die Rand Corporation und für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit Arbeitsschwerpunkt Russland, Ukraine, Belarus und Zentralasien. Rahr saß von 2004 bis 2015 im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs. Seit 2012 ist er Projektleiter des Deutsch-Russischen Forums. Er ist Mitglied des russischen Valdai Clubs und des ukrainischen Netzwerkes Yalta European Strategy (YES). Rahr ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und Ehrenprofessor der Moskauer Diplomatenschule und der Higher School of Economics in Moskau. 2019 erhielt Rahr den Freundschaftsorden der Russischen Föderation für sein Engagement für die deutsch-russischen Beziehungen.

Ein Kommentar von Prof. Alexander Rahr

Armin Laschet, der neugewählte Vorsitzende der CDU, steht plötzlich unter einem ganz besonderen Druck. Die Grünen-Chefin Annalena Baerbock hat ihn unmissverständlich dazu aufgerufen, seine „Russland-freundliche“ Position aufzugeben und sich dezidiert kritisch zu Russland zu äußern. Auch viele führende Mainstream-Medien schlagen in dieselbe Kerbe: Laschets fehlende Kritik an Russland sei verdächtig. Bald werden auch Politiker aus der eigenen Partei in die Reihen dieser „Inquisition“ gegen Laschet eintreten. Drohungen gegen Laschet, eine „Russland-Affäre“ gegen den CDU-Frontmann und Kanzlerkandidaten aus dem Nichts zu stampfen, liegen spürbar in der Luft. Laschet wird standhaft bleiben.

Die Frage nach dem Verständnis der Grünen zur Meinungsfreiheit und Toleranz soll hier nicht erläutert werden. Jeder Leser kann sich nach der Lektüre des Spiegel-Interviews von Baerbock seinen eigenen Reim darauf bilden. Interessant ist, wieviel Angst manche transatlantischen Kräfte in Deutschland verspüren, dass sich unter einem Merkel-Nachfolger die festgefahrenen Beziehungen mit Russland verbessern – zumindest normalisieren könnten. Dabei ist es im nationalen Interesse Deutschlands, auch im gesamteuropäischen Interesse, dass es zwischen dem Westen und Russland nicht zu einem neuen Kalten Krieg kommt, dass beide Seiten in eine Entspannungspolitik eintreten, bestehende Konflikte zu bewältigen suchen, statt sie weiter zu befördern. Bei aller Bündnistreue mit den USA – Deutschland darf sich nicht in den großen weltpolitischen Konflikten der USA mit China und Russland einseitig auf die amerikanische Seite ziehen lassen. Europa braucht einen eigenen Sicherheitsdialog mit konkurrierenden Mächten in der kommenden polyzentrischen Weltordnung.

Welche Positionen vertritt aber Laschet zu Russland? Antwort: pragmatische und weniger ideologische. Als Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Europaparlaments vor zwanzig Jahren, empfand er viel Sympathie für das Konzept eines gemeinsamen Raumes von Lissabon bis Wladiwostok. Schon damals nahm er aktiv an Konferenzen mit Russen teil. Als Minister für Integration des Landes Nordrhein-Westphalen organisierte er einen wichtigen Dialog mit der russischen und türkischen Diaspora, zeigte aufrichtiges Verständnis für die Anliegen der Migranten, förderte so ihre Assimilation in Deutschland.

Laschet zeigte keine Scheu, nach Ausbruch des Ukraine-Konflikts zwischen Russland und dem Westen an Veranstaltungen wie dem Petersburger Dialog und der Jahresversammlung des Deutsch-Russischen Forums teilzunehmen. Als Ehrengast sprach er dort in einer wohltuend konstruktiven Sprache, ohne Russland-Bashing und ohne irgendwelcher Anbiederung gegenüber Russland. Laschet verteidigte den Bau der Nord Stream II, weil er sich als verantwortlicher Wirtschaftspolitiker nicht vorstellen kann, wie die deutsche Volkswirtschaft nach dem gleichzeitigen Ausstieg aus Kohle, Erdöl und Atomenergie ohne den Brückenfaktor Erdgas, bis zum Jahre 2050, wenn Deutschland vollkommen klimaneutral werden möchte, funktionieren kann.

Als Premierminister eines solch großen Bundeslandes wie Nordrhein-Westfalen trägt Laschet natürlich eine Verantwortung auch für die außenwirtschaftlichen Beziehungen. In seinem Bundesland sind zahlreiche Firmen mit langjährigen Russlandbeziehungen angesiedelt. Sie erwarten von der Landesregierung Unterstützung in schwierigen Zeiten und weniger Ideologie. Im Übrigen unterscheidet sich Laschet mit seinen Positionen hinsichtlich einer Interessen-bezogenen Partnerschaft zu Russland in keiner Weise von Markus Söder, der auf dieselbe Art und Weise den Handel zischen Bayern und Russland aufrechterhalten möchte.

Beide Politiker – Laschet und Söder – werden, sollte einer von ihnen Kanzler werden, einen pragmatischen Kurs Richtung Russland einschlagen, bei aller Kritik an Menschenrechtsverletzungen und Demokratieabbau in diesem Land. Was Laschet nicht tun wird, ist sich der von den USA geplanten „Allianz der Demokraten im Kampf gegen die Diktatoren dieser Welt“ anzuschließen. Wie ehrwürdig die Ziele dieser Allianz auch sein mögen – in einer Weltordnung, die sich von einer unipolaren pro-westlichen mehr und mehr zu einer polyzentrischen entwickelt, befördert eine strikt werteorientierte kämpferische Politik nur weitere gefährliche Konflikte.

Sollte Laschet Kanzler werden, wird er in einer ganz anderen Epoche regieren müssen, als Angela Merkel es 16 Jahre lang getan hat. Die Europäische Union und die transatlantischen Beziehungen stehen in manchen Fragen vor der Zerreißprobe. Die Herausforderungen für Deutschland und die EU aus dem Süden – gemeint ist der mögliche Zusammenbruch des Nahen und Mittleren Ostens – sind so gewaltig, dass sie ein ganz anderes Handeln der deutschen und europäischen Politik beanspruchen werden. Der Franzose Emmanuel Macron hat es längst verstanden; er und Laschet werden hier schnell eine gemeinsame europäische Antwort auf die Gefahren finden. Zu dieser Antwort wird auch ein neues strategisches Verhältnis zu Russland gehören.

Dieser Kommentar erschien ursprünglich am 20. Januar 2021 auf der Webseite www.russlandkontrovers.com und wird hier mit Genehmigung des Autors veröffentlicht.

Wird der US-Senat Putsch-Planerin Nuland im Amt bestätigen?

Victoria Nuland 2015 bei der Neocon-Denkfabrik Brookings Institution (Foto: Flickr)

Ein Kommentar von von Medea Benjamin, Nicolas J. S. Davies und Marcy Winograd.

Zu den Autoren: Medea Benjamin ist Mitbegründerin von CODEPINK for Peace und Autorin mehrerer Bücher, darunter Inside Iran: The Real History and Politics of the Islamic Republic of Iran. Nicolas J. S. Davies ist ein unabhängiger Journalist, und Autor von Blood On Our Hands: the American Invasion and Destruction of Iraq. Marcy Winograd von Progressive Democrats of America war 2020 Delegierte der Demokraten für Bernie Sanders.

Wer ist Victoria Nuland? Die meisten Amerikaner haben noch nie von ihr gehört, weil die außenpolitische Berichterstattung der US-Massenmedien extrem einseitig ist. Die meisten Amerikaner haben keine Ahnung, dass die von Präsident Biden ausgewählte stellvertretende Außenministerin für politische Angelegenheiten im Treibsand der Politik des Kalten Krieges der 1950er Jahre zwischen den USA und der Sowjetunion feststeckt und von einer fortgesetzten NATO-Erweiterung, einem ungehemmten Wettrüsten und einer weiteren Einkreisung Russlands träumt.

Sie wissen auch nicht, dass Nuland von 2003-2005, während der militärischen Besetzung des Iraks durch die USA, außenpolitische Beraterin von Dick Cheney war, dem Darth Vader der Bush-Regierung.

Sie können jedoch darauf wetten, dass die Menschen in der Ukraine von Neocon Nuland gehört haben. Viele haben sogar die durchgesickerte vierminütige Audioaufzeichnung mit ihrem „Fuck the EU“ während eines im Jahre 2014 geführten Telefonats mit dem US-Botschafter in der Ukraine, Geoffrey Pyatt gehört.

Während dieses berüchtigten Anrufs, bei dem Nuland und Pyatt sich verschworen, den gewählten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch zu stürzen, drückte Nuland ihre nicht sehr diplomatische Abscheu über die Europäische Union aus, die eher den ehemaligen Schwergewichtsboxer und Austeritäts-Champion Vitali Klitschko anstelle von US-Marionette und NATO-Steigbügelhalter Artseniy Yatseniuk bevorzugte, um den zu Russland-freundlichen Janukowitsch zu ersetzen.

Der „Fuck the EU“-Anruf verbreitete sich viral, während ein in Verlegenheit gebrachtes US-Außenministerium, das die Authentizität des Anrufs nie leugnete, die Russen für das Abhören des Telefons beschuldigten, so wie die NSA die Telefone der europäischen Verbündeten abgehört hat.

Trotz der Empörung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel feuerte niemand Nuland, dessen Lästerei jedoch die ernstere Geschichte verdrängte: die US-Verschwörung zum Sturz der gewählten ukrainischen Regierung und Amerikas Verantwortung für einen Bürgerkrieg, der mindestens 13.000 Menschen getötet und die Ukraine zum ärmsten Land in Europa gemacht hat.

Dabei gelang es Nuland, ihrem Ehemann Robert Kagan, der Mitbegründer des „Project for a New American Century“ gewesen ist, und ihren neokonservativen Kumpanen, die amerikanisch-russischen Beziehungen in eine gefährliche Abwärtsspirale zu befördern, von der sie sich bis heute nicht erholt haben.

Nuland schaffte dies von einer relativ untergeordneten Amtsposition aus, als stellvertretende Außenministerin für europäische und eurasische Angelegenheiten. Wie viel mehr Ärger könnte sie als die Nr. 3 in Bidens Außenministerium aufwirbeln? Wir werden es früh genug herausfinden, falls der Senat ihre Nominierung bestätigt.

Joe Biden sollte aus Obamas Fehlern gelernt haben, dass Ernennungen wie diese von Bedeutung sind. In seiner ersten Amtszeit ließ Obama zu, dass seine angriffslustige Außenministerin Hillary Clinton, der republikanische Verteidigungsminister Robert Gates sowie Militär- und CIA-Führer, die von der Bush-Regierung übernommen wurden, dafür sorgten, dass endlose Kriege seine Botschaft von Hoffnung und Wandel verdrängten.

Obama, der Friedensnobelpreisträger, hatte am Ende den Vorsitz über unbefristete Inhaftierungen ohne Anklage oder Gerichtsverfahren in Guantanamo Bay; eine Eskalation der Drohnenangriffe, die unschuldige Zivilisten töteten; eine Vertiefung der Besetzung Afghanistans; einen sich selbst verstärkenden Kreislauf von Terrorismus und Terrorismusbekämpfung; und katastrophale neue Kriege in Libyen und Syrien.

Mit Clintons Ausscheiden und neuem Personal in den Spitzenpositionen seiner zweiten Amtszeit begann Obama, seine eigene Außenpolitik in die Hand zu nehmen. Er begann, direkt mit Russlands Präsident Putin zusammenzuarbeiten, um die Krisen in Syrien und anderen Krisenherden zu lösen. Putin trug dazu bei, eine Eskalation des Krieges in Syrien im September 2013 zu verhindern, indem er die Beseitigung und Zerstörung der syrischen Chemiewaffenbestände aushandelte, und half Obama bei der Aushandlung eines Interimsabkommens mit dem Iran, das zum Atomabkommen JCPOA führte.

Aber die Neocons waren apoplektisch, dass sie es nicht geschafft haben, Obama davon zu überzeugen, eine massive Bombenkampagne zu befehlen und seinen verdeckten Stellvertreterkrieg in Syrien zu eskalieren, und über die schwindende Aussicht auf einen Krieg mit dem Iran. Aus Angst, dass ihnen die Kontrolle über die US-Außenpolitik entgleitet, starteten die Neocons eine Kampagne, um Obama als „schwach“ in der Außenpolitik zu brandmarken und ihn an ihren mächtigen Einfluss zu erinnern.

Mit redaktioneller Hilfe von Nuland verfasste ihr Ehemann Robert Kagan 2014 einen Artikel in der New Republic mit dem Titel „Superpowers Don’t Get To Retire“ (Supermächte gehen nicht in den Ruhestand), in dem er verkündete, dass „es keine demokratische Supermacht gibt, die in den Startlöchern steht, um die Welt zu retten, wenn diese demokratische Supermacht strauchelt.“ Kagan forderte eine noch aggressivere Außenpolitik, um den Amerikanern die Angst vor einer multipolaren Welt auszutreiben, die sie nicht mehr dominieren können.

Obama lud Kagan zu einem privaten Mittagessen ins Weiße Haus ein, und die Drohgebärden der Neocons setzten ihn unter Druck, seine Diplomatie mit Russland zurückzuschrauben, während er in der Iran-Frage leise vorpreschte.

Der Gnadenstoß der Neocons gegen Obama war Nulands Coup 2014 in der schuldengeplagten Ukraine, einem strategischen Kandidaten für die NATO-Mitgliedschaft direkt an der Grenze zu Russland.

Als der ukrainische Premierminister Viktor Janukowitsch ein von den USA unterstütztes Handelsabkommen mit der Europäischen Union zugunsten eines 15 Milliarden Dollar schweren Rettungspakets aus Russland ablehnte, bekam das Außenministerium einen Wutanfall.

Eine herausgeforderte Supermacht ist fürchterlicher als die Hölle.

Das EU-Handelsabkommen sollte die ukrainische Wirtschaft für Importe aus der EU öffnen, aber ohne eine gegenseitige Öffnung der EU-Märkte für die Ukraine war es ein einseitiger Deal, den Janukowitsch nicht akzeptieren konnte. Der Deal wurde von der Regierung nach dem Putsch genehmigt und hat die wirtschaftlichen Probleme der Ukraine nur noch verschlimmert.

Der Muskel für Nulands 5-Milliarden-Dollar-Coup war Oleh Tjahnyboks neonazistische Svoboda-Partei und die nebulöse neue Miliz Rechter Sektor. Während ihres durchgesickerten Telefongesprächs bezog sich Nuland auf Tjahnybok als einen der „großen drei“ Oppositionsführer von der Außenseite, die dem von den USA unterstützten Premierminister Jazenjuk im Inneren helfen könnten. Dies ist derselbe Tjahnybok, der einst eine Rede hielt, in der er den Ukrainern für den Kampf gegen Juden und „anderen Abschaum“ während des Zweiten Weltkriegs applaudierte.

Nachdem sich die Proteste auf dem Kiewer Euromaidan-Platz im Februar 2014 in Kämpfe mit der Polizei verwandelt hatten, unterzeichneten Janukowitsch und die vom Westen unterstützte Opposition ein von Frankreich, Deutschland und Polen vermitteltes Abkommen zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit und zur Abhaltung von Neuwahlen bis Ende des Jahres.

Aber das war nicht gut genug für die Neonazis und die rechtsextremen Kräfte, die die USA zu entfesseln geholfen hatten. Ein gewalttätiger Mob, angeführt von der Miliz „Rechter Sektor“, marschierte auf und stürmte das Parlamentsgebäude, eine Szene, die sich Amerikaner nur schwer vorstellen können. Janukowitsch und seine Abgeordneten flohen um ihr Leben.

Angesichts des drohenden Verlusts seines wichtigsten strategischen Marinestützpunkts in Sewastopol auf der Krim akzeptierte Russland das überwältigende Ergebnis (eine 97%ige Mehrheit bei einer Wahlbeteiligung von 83%) eines Referendums, in dem die Krim dafür stimmte, die Ukraine zu verlassen und sich wieder Russland anzuschließen, zu dem sie von 1783 bis 1954 gehörte.

Die mehrheitlich russischsprachigen Provinzen Donezk und Luhansk in der Ostukraine erklärten einseitig ihre Unabhängigkeit von der Ukraine und lösten damit einen blutigen Bürgerkrieg zwischen von den USA und Russland unterstützten Kräften aus, der bis heute andauert.

Die amerikanisch-russischen Beziehungen haben sich nie erholt, auch wenn die Atomwaffenarsenale der USA und Russlands immer noch die größte Bedrohung für unsere Existenz darstellen. Was auch immer Amerikaner über den Bürgerkrieg in der Ukraine und Vorwürfe der russischen Einmischung in die 2016 US-Wahl glauben, wir dürfen nicht zulassen, dass die Neocons und der militärisch-industrielle Komplex, dem sie dienen, Biden von der Durchführung überlebenswichtiger Diplomatie mit Russland abhalten, die uns von dem selbstmörderischen Weg in Richtung Atomkrieg abbringen könnte.

Nuland und die Neocons setzen jedoch weiterhin auf einen immer gefährlicheren Kalten Krieg mit Russland und China, um eine militaristische Außenpolitik und Rekordbudgets für das Pentagon zu rechtfertigen. In einem Artikel in Foreign Affairs vom Juli 2020 mit dem Titel „Pinning Down Putin“ behauptete Nuland absurderweise, Russland stelle eine größere Bedrohung für „die liberale Welt“ dar als die UdSSR während des Kalten Krieges.

Nulands Erzählung beruht auf einem völlig mythischen, ahistorischen Narrativ von russischer Aggression und guten Absichten der USA. Sie gibt vor, dass Russlands Militärbudget, das ein Zehntel des amerikanischen beträgt, ein Beweis für „russische Konfrontation und Militarisierung“ sei, und fordert die USA und ihre Verbündeten auf, Russland entgegenzutreten, indem sie „robuste Verteidigungsbudgets beibehalten, die Modernisierung der Nuklearwaffensysteme der USA und ihrer Verbündeten fortsetzen und neue konventionelle Raketen und Raketenabwehrsysteme einsetzen, um sich gegen Russlands neue Waffensysteme zu schützen…“

Nuland will Russland auch mit einer aggressiven NATO konfrontieren. Seit ihrer Zeit als US-Botschafterin bei der NATO während der zweiten Amtszeit von Präsident George W. Bush ist sie eine Befürworterin der NATO-Erweiterung bis an die Grenze Russlands. Sie fordert „permanente Stützpunkte entlang der Ostgrenze der NATO“. Nuland sieht Russlands Verpflichtung, sich nach den aufeinanderfolgenden westlichen Invasionen des 20. Jahrhunderts zu verteidigen, als ein unerträgliches Hindernis für die expansionistischen Ambitionen der NATO.

Nulands militaristische Weltsicht repräsentiert genau die Torheit, die die USA seit den 1990er Jahren unter dem Einfluss der Neocons und der „liberalen Interventionisten“ verfolgen, was zu einem systematischen Mangel an Investitionen in das amerikanische Volk geführt hat, während die Spannungen mit Russland, China, Iran und anderen Ländern eskalierten.

Wie Obama zu spät gelernt hat, kann die falsche Person zur falschen Zeit am falschen Ort mit einem Stoß in die falsche Richtung jahrelange Gewalt, Chaos und internationale Zwietracht entfesseln. Victoria Nuland wäre eine tickende Zeitbombe in Bidens Außenministerium, die nur darauf wartet, seine Arbeit zu sabotieren, so wie sie Obamas Diplomatie in seiner zweiten Amtszeit unterminiert hat.

Der Artikel erschien am 16. Januar 2021 im englischen Original unter dem Titel „Will the US-Senate confirm coup plotter Nuland?“ auf der Webseite PopularResistance.org

Politische Geographie: Fallstudie Russland (Teil 3)

Professor Alexandre Lambert. Foto: OSZE


Zur Person: Prof. Dr. Alexandre Lambert ist Akademischer Direktor des Genfer Instituts für Geopolitische Studien (GIGS). Er unterrichtet Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Internationale Sicherheit an der Webster Universität, Genf sowie der Geneva School of Diplomacy and International Relations und leitet als Direktor ein US-Amerikanisches Study Abroad Institut zu Weltgesundheits- und Entwicklungsfragen in Genf (www.sit.edu/szh). Vormals war er ziviler Beamter im Schweizerischen Bundes-Department für Verteidigung und dessen Sicherheitspolitischer Abteilung und hat zur Gründung des Genfer Zentrums für die Demokratische Kontrolle der Streitkräfte (DCAF) beigetragen. Seit gut zwanzig Jahren berät er als unabhängiger Experte und Akademiker im Bereich Internationale Beziehungen, sowie Außen- und Geopolitik.

Teil 3: Strategische und Prospektive Aspekte von Russlands Politischer Geographie

In den ersten beiden Teilen gingen wir u.a. den spezifisch territorialen und demographischen Aspekten Russlands auf den Grund. Dieser abschließende Teil beleuchtet strategische Parameter sowie prospektive Aspekte von Russlands politischer Geographie. Diese sind wiederum zentral für das geopolitische und geo-ökonomische Verständnis Russlands, bzw. seinem wirtschaftlichen und politischen Verhältnis zu anderen Nationen, besonders was die Dynamik zwischen den Großmächten anbetrifft. Wie bereits im ersten Teil angesprochen, bilden dabei die natürlichen Rohstoffe eines Landes, bzw. seiner Fähigkeit, Rohstoff-Märkte direkt zu beeinflussen, einen der Eckpfeiler regionaler und globaler Machtpolitik. Bekanntlich spielt Russland eine sehr entscheidende Rolle insbesondere in den Bereichen der regionalen, aber auch globalen Energiepolitik, nicht nur im Bereich Rohöl, sondern zunehmend was das strategisch wichtiger werdende Erdgas anbelangt.

Aber auch weit über den top-strategischen Öl- und Gas-Komplex hinweg besitzt Russland einen einzigartigen Reichtum an natürlichen Bodenschätzen. Was beispielsweise seine Frischwasserreserven betrifft, so ist Russland gleich nach Brasilien die Nr. 2 der Welt, und was die Fläche seiner Waldgebiete anbetrifft (siehe weiter unten), ist es gar die Nr. 1 weltweit noch vor dem einen großen Anteil des Amazonas abdeckenden Brasilien. Auch besitzt Russland eine der weitläufigsten Agrarflächen weltweit, die sich aufgrund des Klimawandels weiter ausdehnt (siehe weiter unten). Sodann gibt es praktisch nichts, was man nicht auf dem Russischen Territorium finden würde. Jedenfalls kann es einem schon fast schwindlig werden, wenn man aus der Sicht eines geographisch ‘durchschnittlichen’ Landes die Diversität und Fülle von Russlands Rohstoffen betrachtet. Im zweiten Teil hatten wir bereits von allerlei Weltrekorden gesprochen, was Russland anbetrifft. Was hingegen gerade auch die Bodenschätze anbelangt, so hält Russland in praktisch allen Bereichen jeweils weit oben mit unter den ‘Top-Ten’.

Nicht nur weist Russlands Boden praktisch die gesamte Palette an strategischen Mineralien auf, und dies in Hülle und Fülle (Rohöl, Erdgas, Kohle, Uran, Platin, Gold, Silber, Aluminium, Magnesium, Chrom, Phosphat, Quecksilber, Eisen, Kupfer, Zink, Nickel, Blei, etc.); Russland besitzt ebenso riesige Mengen anderer wichtiger Rohstoffe wie Holz, Salz, Granit, Marmor, Sandstein, sowie Tabak, Tee, Zitrusfrüchte, Gemüse, Fleischproduktion, und ist weltweit drittgrößter Weizenproduzent und wird als prospektive ‘Kornkammer Asiens’ gehandelt, wo die Nachfrage nach Weizen stark ansteigt. Die beiden nachfolgenden Karten stellen denn Russlands ausgedehnte Waldflächen und Landwirtschaftszonen dar.

Karte: Russlands Waldflächen. Quelle: Semantic Scholar
Karte: Russlands Agrarland. Quelle: http://www.agroatlas.ru/en/content/Vegetation_maps/Arable/index.html

Was die aus der Sicht der Geo-Ökonomie und für den Welthandel wichtigen strategischen Mineralien anbetrifft, einschließlich seltener Metalle, die u.a. in der High-Tech-Industrie Verwendung finden, so besitzt Russland v.a. die größten natürlichen Erdgasreserven, und zwar in konventioneller Form als auch unkonventioneller Form, d.h. in fester Form oder in Form von Schiefergas (‘Shale gas’ auf Englisch). Dies ist umso bezeichnender, als gerade die Nachfrage nach Erdgas aufgrund des Ausstieges vieler Länder, insbesondere in Europa, aus Kohle- aber auch Nuklearenergie stark angestiegen ist. Die nachfolgende Darstellung zeigt die komparativen Erdgasvorkommen weltweit und die hier dominante Stellung Russlands.

Graphik: Vergleichende Konventionelle und Unkonventionelle Erdgas-Reserven. Quelle: Pinterest

Russland besitzt hingegen auch die zweitgrößten Kohlereserven, die im wirtschaftlich stark wachsenden Asien nach wie vor weite Anwendung findet als Energiespender. Zudem weist das Land die zweitgrößten Goldvorkommen auf und hat zusammen mit China und anderen BRICS-Staaten wie etwa Südafrika, das selbst die weltweit drittgrößten Goldreserven besitzt, begonnen, massiv Gold zu fördern, und arbeitet u.a. mit China daraufhin, eine auf einem Goldstandard beruhende neue internationale Geldwährung einzuführen, als Alternative zum stark inflationären Dollar. Russland hat ferner die viert-größten Uranvorkommen, ist fünft-größter Stahlproduzent, und besitzt die weltweit sechst-größten Rohölreserven.

Graphik: Weltweit grösste Ölreserven nach Ländern. Quelle: Statista

Und während wie oben angesprochen Russland weltweit die zweitgrößten Frischwasserreserven aufweist (nach Brasilien), umfasst sein Territorium vier der weltweit 14 längsten Flüsse (über 4000 km lang): Jenissei, Ob, Amur, und Lena (die Wolga und der Dnjepr in Europa noch gar nicht mitgerechnet!), und seine grösste Waldfläche der Erde ist fast doppelt so gross wie diejenige von Brasiliens Amazonasgebiet. Somit spielt das Land auch eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Weltklimas. Russland besitzt ferner mit dem Baikalsee, der nördlich der Mongolei liegt, auch das grösste und reinste Trinkwasserreservoir der Erde, dessen Oberfläche im Winter vollständig gefriert. Zwar gibt es andere Seen, die flächenmäßig grösser sind (wie z.B. der Viktoria-See in Ostafrika); jedoch aufgrund seiner sehr großen Tiefe von über 1600 Metern, ist sein massives Wasservolumen beinahe so gross wie sämtliche der großen Nordamerikanischen Seen zusammen, die sich entlang der US-Kanadischen Grenze erstrecken, obwohl deren kombinierte Fläche ungefähr zehn Mal größer ist als diejenige des Baikalsees! Der Baikalsee weist im Vergleich zu Deutschlands größtem See an der Schweizer Grenze, dem Bodensee, eine 60-mal größere Wasseroberfläche und ein 500-mal größeres Wasservolumen auf. Wenn man nun die kombinierten Trinkwasser-Reserven der BRICS-Staatengruppe zusammenrechnet, dann besitzt diese geopolitische Ländergruppierung eine strategisch beachtlichen Anteil der weltweiten Reserven; hierzu wäre lediglich beizufügen, dass ansonsten Grönland und Island die grössten Trinkwasserreserven pro Kopf ihrer jeweiligen Bevölkerungen aufweisen; diese sind jedoch mehrheitlich in Form von Gletschern gebunden, die im Übrigen aufgrund des Klimawandels schmelzen, womit der Löwenanteil des geschmolzenen Frischwassers in salziges Meerwasser überführt wird.

Entsprechend müsste Russland eigentlich klar das wohlhabendste Land der Welt sein. Dass es bislang nicht hierzu gekommen ist hat einerseits (geo-)politische Gründe wie der Umstand, dass Eurasiens grösste Kontinentalmacht Russland – wie im ersten Teil angesprochen – von Seemächten wie dem Britischen Imperium und den Vereinigten Staaten seit mindestens 200 Jahren erfolgreich eingedämmt wurde. Aber auch Russlands geographische Lage, sowie die oben erwähnten territorialen und v.a. klimatischen Eigenschaften des Landes haben dazu beigetragen, dass es das Land im internationalen Wettstreit um wirtschaftliche und politische Dominanz bisher nicht wirklich an die Spitze geschafft hat. Erstens verbietet das harsche Klima des Landes, dass sich Russlands Bevölkerung stetig und fast grenzenlos vergrößern konnte, z.B. im Maßstab von China oder Indien, die beide in verhältnismäßig moderateren Klimazonen liegen; auch lag es lange Zeit nicht im Fadenkreuz weltweiter Handelsrouten. Dies könnte sich hingegen mit Chinas Gürtel- und Straßeninitiative (‘Neue Seidenstraße’) sowie dem Klimawandel und den hiermit einhergehenden meteorologischen und vegetativen Veränderungen substantiell modifizieren. In diesem Zusammenhang wäre vorerst darauf hinzuweisen, dass Russland gleich bei zwei der bislang sechs Wirtschaftskorridoren der Neuen Seidenstraße eine zentrale geographische Rolle als Brückenkopf spielt, also sowohl beim China-Mongolei-Russland Korridor, als auch bei der Neuen Eurasischen Landbrücke, bei der u.a. ein 13000 km langes Eisenbahnnetz entsteht, das Hong Kong mit Lissabon verbindet, und seit 2015 jährlich 400 Güterzüge mit 30000 Containern über 8 Länder hinweg befördert (China, Russland, Belarus, Polen, Deutschland, Frankreich, Spanien, Portugal) und entlang dessen wiederum neue Industriezonen u.a. in Zentralasien sowie von Eurasiens ‘Herzland’ (Mackinder; siehe Teil 1) entstehen.

Karte: Die 6 Wirtschaftskorridore entlang der Neuen Seidenstrasse. Quelle: https://voxeu.org/article/how-belt-and-road-initiative-could-reduce-trade-costs

Zudem baut Russland mit internationalen Handelspartnern, einschließlich China, aber auch US-Alliierten wie Südkorea, die sogenannte Polar-Seidenstraße aus, was den Seeweg von Ostasien nach Europa im Prinzip um eine Woche verkürzt. Zwar ist diese Meeresstraße über die Wintermonate mehrheitlich vereist, jedoch erlauben es der Klimawandel und das damit einsetzende Schmelzen der Polkappe über einen grösseren Zeitraum im Jahresdurchschnitt, sowie eine neuen Generation nuklear betriebener Eisbrecher, dass selbst in den kälteren Jahresabschnitten diese neue ‘Polare Seidenstraße’ navigierbar wird.

Karte: Arktische Seidenstrasse. Quelle: https://risingtidefoundation.net/2019/10/17/india-and-other-asian-nations-join-the-polar-silk-road

Ebenfalls entsteht eine neue Nord-Süd-Achse, bei der in Zusammenarbeit mit Indien u.a. der sich an der Iranischen Küste zum Indischen Ozean befindliche Hafen Tschabahar ausgebaut wird, der insbesondere als Konkurrenz zu dem unweit entfernten Hafen Gwaddar im Pakistanischen Küstenabschnitt des Indischen Ozeans konzipiert ist, und da Gwaddar als strategischer Stützpunkt am Indischen Ozean innerhalb des China-Pakistan-Korridors der Neuen Seidenstraße den Nationalisten in Delhi ein Dorn im Auge ist. Beide Projekte weisen hingegen das gemeinsame Ziel auf, den für den Welthandel zentralen Indischen Ozean logistisch mit Eurasiens Kernland zu verknüpfen, hiermit zu einer wirtschaftlichen Diversifizierung des ‘Rimlandes’ (Spykman; Teil 1) beizutragen, und letztlich die beiden Anglo-Amerikanischen Seemächte, Großbritannien und die USA, deren Marine-Flotten den Indischen Ozean traditionell dominieren, geo-strategisch zurückzudrängen. Im Rahmen dieser kontinentalen Nord-Süd-Verbindung, die von Russland durch Zentralasien und Iran zum Indischen Ozean führt, entsteht jedenfalls eine neue kontinentale Handels- und Transportroute von «Sankt Petersburg nach Mumbai», die u.a. als Alternative und komplementär zur konventionellen Seestraße durch die Ostsee, die Strasse von Gibraltar sowie den Suezkanal dient – wichtige maritime Handelsrouten und strategische ‘hot-spots’, die wiederum von Britischen und amerikanischen geopolitischen und geo-ökonomischen Akteuren seit gut zwei hundert Jahren dominiert werden.
Wie angesprochen, könnte Russland territorial gar noch größer sein, wäre Alaska nicht im 19. Jahrhundert an die Vereinigten Staaten verkauft worden. Aber harte geographischen Faktoren lügen selten: auch ohne Alaska stellte es für Russland historisch eine große Herausforderung dar, sein riesiges und klimatisch komplexes Territorium zu verwalten, nicht nur wegen der enormen Distanzen, sondern u.a. auch was die erforderlichen finanziellen Mittel zur logistischen Organisation des immensen Territoriums anbetrifft. In diesem Sinne ist es denn häufig nützlich, Russland mit Kanada zu vergleichen, das nicht nur vergleichbare territoriale und demographische Dimensionen und klimatische Bedingungen aufweist, sondern zusammen mit Russland auch den Löwenanteil der direkten Angrenzung an das nördliche Polargebiet besitzt.

Einer der spezifischen Knackpunkte für Russland, der wiederum mit der geographischen Lage sowie den Jahresdurchschnittstemperaturen zusammenhängt, war immer schon der verhältnismäßig beschränkte Zugang der Russischen Handels- und Kriegsmarine zu warmen Meeresgewässern. Einer der Gründe des sowjetischen Einfalls in Afghanistan Ende der 1970er Jahre war der damit verbundene potentielle Zugang zum Indischen Ozean. Zwar profitiert heutzutage etwa der Marinestützpunkt im nordwestlichen Oblast Murmansk meteorologisch vom warmen Golfstrom; die dort etablierten Marinestützpunkte bleiben jedoch geographisch relativ marginal positioniert, um einen direkten geostrategischen Einfluss auszuüben, sowohl handelsmäßig als auch militärisch. Auch wurde dieser Stützpunkt erst während der 1930er Jahre aufgebaut, also zur Zeit der Sowjetunion. Selbst die an der Pazifischen Küste liegende Bucht von Wladiwostok bleibt mehrheitlich gefroren in den Wintermonaten, auch wenn aufgrund der relative starken Industrialisierung der umliegenden Regionen sowie des Klimawandels das Eis in der Bucht zurückweicht.

Was wiederum seine politische Geographie in Europa anbetrifft, so konnte Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion immerhin das in der Ostsee zwischen Polen und Litauen gelegene Territorium von Kaliningrad (Königsberg) behalten, was im Vergleich zum Hafen von Sankt Petersburg eben den Vorteil des eisfreien Hafens gewährt. Zudem garantiert eben gerade dieser strategisch Stützpunkt eine direkt Sicherheit von ‘Nord Stream’, der neuen maritimen Erdgas-Pipeline, die von Russland nach Deutschland führt, und die somit u.a. das Territorium der neuen NATO-Mitgliedsländer in Zentralosteuropa umgeht. Auch war historisch gesehen insbesondere der Marinestützpunkt in Sewastopol auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer für Russland schon immer von herausragender geo-strategischer Bedeutung, sowohl was die Handelsflotte, als auch die Kriegsmarine anbetrifft. Dabei spielte kürzlich die in Sewastopol stationierte Russischen Marineflotte, im Verbund mit dem Marinestützpunkt Tartus an Syriens Mittelmeerküste, wo die russische Marine bei ihrem Syrischen Alliierten im Mittleren Osten einen internationalen Stützpunkt betreibt, eine wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle bei internationalen Militäroperationen gegen den Islamischen Staat.

Gleichzeitig hing Russlands Zugang zum Mittelmeer, bzw. von dort zu den Weltmeeren immer schon von seinen bilateralen Beziehungen zur Türkei (und davor zum Osmanischen Reich) ab, die territorial die Meeresengen der Dardanellen und des Bosporus kontrolliert. Ironischerweise hat das NATO-Gründungsmitglied seine bilateralen Beziehungen zum nach-Sowjetischen Russland differenziert und betrachtet in seiner Militärdoktrin nach dem Ende des Kalten Krieges das heutige Russland nicht mehr als eine direkte militärische Bedrohung. Selbst in der derzeitigen regionalen Politik im Mittleren Osten und insbesondere im Syrischen Konflikt koordinieren die Türkei und Russland eng ihre Strategien. Auch in der sich dynamisch erweiternden regionalen Energie-Logistik, insbesondere was Öl- und Erdgas-Pipeline-Projekte anbelangt (siehe zum Beispiel ‘South Stream’ oder auch ‘Nabucco’), arbeitet die Türkei vermehrt mit Russland, aber auch mit China zusammen, da seine diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur EU (Beitritts-Engpass) und zu den USA (Politik im Mittleren Osten) zunehmend unter Druck geraten sind. Auch hatten wir im zweiten Teil auf die geostrategisch zentrale Lage des Türkischen Territoriums hingewiesen, das eine Scharnierfunktion ausübt und als logistischer Korridor dient zwischen Asien, Europa, und Afrika, im Rahmen dessen der Türkei eine neue Rolle in der internationalen Macht-Balance zwischen dem konventionellen westlichen (NATO/EU) und einem neu entstehenden östlichen Block zukommt, das von China in strategischer Partnerschaft mit Russland strukturiert ist, und zu dem auch neue geopolitische und geo-ökonomische Organisationen in Eurasien gehören.

Zu diesen neuen institutionellen Strukturen Eurasiens gehören u.a. die von China und Russland 2001 ins Leben gerufene Shanghai Cooperation Organization (SCO), die 2015 von China lancierte Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB), sowie die von Russland gegründete Eurasian Economic Union (EEU), die gewissermassen ein ‘östliches’ Pendant zur EU darstellt. Während man im Falle der SCO im Westen bereits schon von einem möglichen Rivalen der NATO spricht, wäre dem beizufügen, dass 2017 nicht nur Indien sondern gleich auch noch Pakistan der SCO beitraten, diese regionale Institution somit mit Abstand der territorial und demographisch grösste regionale politische Block weltweit darstellt. Und nicht nur steht der in der Geopolitik Eurasiens unumgängliche Iran kurz vor seinem eigenen Beitritt zur SCO, sondern geniesst selbst das NATO-Gründungsmitglied Türkei einen Status also Dialog-Partner, was wiederum seine zunehmend strategischen Beziehungen zu Russland und China widerspiegelt.

Karte: Mitglieds- und Beobachter-Staaten, sowie Dialog-Partner und Gaststaaten der Shanghai Cooperation Organisation. Quelle: Your Free Templates

Vor dreihundert Jahren hatte der Europa stark zugewandte Zar Peter der Große mit der Verlegung der Hauptstadt von Moskau nach dem neu entstanden St. Petersburg an der Europäischen Ostsee ein klares Zeichen gesetzt, das Russland nachhaltig zu einem Eckpfeiler der Europäischen Zivilisation hat werden lassen. Mit der nun von China lancierten Gürtel- und Straßeninitiative, zusammen mit der auf ein neues Niveau gehobenen geostrategischen Zusammenarbeit zwischen Russland und China seit deren Freundschaftsvertrag von 2001, sowie der von ihnen gegründeten SCO (sowie Chinas Eintritt in die Welthandelsorganisation) im selben Jahr, verändert sich Russlands politische Geographie rasant. Dabei entstehen im Rahmen der neuen strategischen Partnerschaft mit China u.a. neue gigantische Energie-Projekte in Sibirien. Dabei sticht das $400-Milliarden schwere neue Erdgas-Förderungsprojekt ‘Power of Siberia’ heraus, dass nachhaltig die Industrialisierung Ost-Sibiriens sowie eine verbesserte energie-logistische Verknüpfung von Ostasien mit Russlands Energievorkommen fördern wird.

Ein anderes potentiell bahnbrechendes Projekt stellt die Realisierung des Tunnel-Projekts unter der Beringstraße dar, zu dessen Realisierung die Russische Föderation kürzlich einen sechzig Milliarden Dollar schweren Fond zugesagt hat. Allerdings besteht derzeit noch keine vergleichbare Initiative zur entsprechenden logistischen Erschließung Alaskas auf nordamerikanischer Gegenseite. Falls sich dieses Jahrhundertprojekt jedoch realisieren sollte, zu dem es ferner auf beiden Seiten der Beringstraße historische Initiativen gibt, könnte es durchaus sein, dass Wladiwostok im Verlaufe des 21. Jahrhunderts zum ‘St.Petersburg des 21. Jahrhunderts’ aufsteigen wird, und zwar im Grade wie der Westen Russland politischen den Rücken kehrt und es so zwingt, sich vermehrt nach Asien auszurichten. Ironischerweise könnte dieser Prozess für Westeuropa sowohl geopolitisch also auch geoökonomisch fatale Folgen haben, es sei denn es besinnt sich auf seine historischen und kulturellen Wurzeln, zu denen wie im zweiten Teil angesprochen Russland einen bedeutenden Beitrag geleistet hat. Jedenfalls deutet alles darauf hin, dass sich im 21. Jahrhundert das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft, wenn nicht der internationalen Beziehungen insgesamt vom Atlantik nach Asien zurückverlegen wird, wo es über die weitesten Strecken der Zivilisationsgeschichte beheimatet war. Die entlang der Neuen Seidenstraße entstehende geographisch und logistisch integrierte Wirtschaftszone in Eurasien und darüber hinaus könnte bis Mitte des Jahrhunderts wesentlich zu einer neuen, Sino-Asiatischen Weltordnung beitragen, im Rahmen derer wiederum Russland eine zentrales Bindeglied im Pan-Eurasiatischen Komplex darstellen würde.

Fazit: es wäre in der Geschichte nicht das erste Mal, dass der politischen Geographie Russlands eine zentrale Rolle in der weltweiten geopolitischen und geo-ökonomischen Machtverteilung zukommt. Und vielleicht gerade trotz der Anglo-Amerikanischen Geostrategie der vergangenen 200 Jahre, deren Priorität auf Eurasien und der Eindämmung Russlands lag, könnte man in Zukunft in London einen Zug betreten, unter dem Ärmelkanal-Tunnel hindurch fahren, von Westeuropa nach Osten durch ganz Eurasien reisen, um an seinem östlichsten Zipfel unter der Bering-Strasse hindurch weiter über Alaska und Kanada mit der Eisenbahn quer durch Nordamerika weiterzubummeln, um schließlich in New York auszusteigen, also quasi entlang einer auf die gesamte Nördliche Hemisphäre ausgedehnte ‘Sibirischen Eisenbahn’, die die Weltkarte – wenn nicht sogar die bisherige Weltsicht! – sprichwörtlich auf den Kopf stellen würde! Dass es hingegen nicht bei den altmodischen ‘Orient’-Eisenbahnen bleibt, dafür sorgt derzeit China, das zum weltweit führenden Hersteller von Hochgeschwindigkeitszügen sowie Magnetschwebebahnen avanciert ist. Wenn man also von den Vorteilen einer ‘Welt-Landbrücke’ spricht (wie dies das Internationale Schiller-Institut prominent tut), was wiederum mit nichts anderem besser illustriert werden kann als mit einer logistischen Infrastrukturverbindung von Nordamerika nach Eurasien, dann ist auch diese letztlich undenkbar ohne den herausragenden Beitrag von Russlands politischer Geographie.

Karte: Tunnel-Projekt unter der Beringstrasse. Quelle: Pinterest

Dies ist der dritte und letzte Teil eines dreiteiligen Gastbeitrags

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Politische Geographie: Fallstudie Russland (Teil 2)

Professor Alexandre Lambert. Foto: OSZE


Zur Person: Prof. Dr. Alexandre Lambert ist Akademischer Direktor des Genfer Instituts für Geopolitische Studien (GIGS). Er unterrichtet Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Internationale Sicherheit an der Webster Universität, Genf sowie der Geneva School of Diplomacy and International Relations und leitet als Direktor ein US-Amerikanisches Study Abroad Institut zu Weltgesundheits- und Entwicklungsfragen in Genf (www.sit.edu/szh). Vormals war er ziviler Beamter im Schweizerischen Bundes-Department für Verteidigung und dessen Sicherheitspolitischer Abteilung und hat zur Gründung des Genfer Zentrums für die Demokratische Kontrolle der Streitkräfte (DCAF) beigetragen. Seit gut zwanzig Jahren berät er als unabhängiger Experte und Akademiker im Bereich Internationale Beziehungen, sowie Außen- und Geopolitik.

Teil 2: Russlands spezifische geographische und demographische Eigenschaften

Im Verlaufe der Neuzeit und in dem Maße, wie sich Russland über die Jahrhunderte nach Zentralasien und Sibirien ausdehnte, wurde eben dieses Land zunehmend zentral im Verständnis der politischen Geographie Eurasiens, also des geopolitischen Schlüssel-Kontinents. Aufgrund seiner massiven territorialen Ausdehnung, seines enormen Reichtums an Bodenschätzen, sowie seiner strategisch positionierten Lage als natürliche Landbrücke zwischen Europa und Ostasien erlangte Russland im Verlaufe des 19. Jahrhunderts nicht nur eine internationale Bedeutung als Großmacht, sondern es spielte auch eine wichtige Rolle in der Balance der Weltmächte insgesamt. Und kein anderer Faktor als die Geographie hat dies mehr mitgeprägt. Was Russland betrifft, so bezeichnet die Geographie jedenfalls ein Universum für sich!

Zunächst fällt bei der Betrachtung der politischen Weltkarte auf, dass Russland mit Abstand das territorial grösste Land der Erde ist, und dass es mit Ausnahme von Skandinavien fast den gesamten nördlichen Teil Eurasiens abdeckt. Selbst im Rahmen der nördlichen Hemisphäre stellt das russische Territorium einen herausragenden Brocken dar. Nicht nur ist Russland mit seinen kolossalen 17,1 Mio. km2 ein territorialer Gigant, v.a. innerhalb Eurasiens, das selbst auch den größten und geographisch zentralsten Kontinent der Welt darstellt; das Land erstreckt sich wie angedeutet gar über zwei Kontinente hinweg (Europa und Asien), was sonst kein anderes Land der Erde schafft – es sei denn, man argumentiert, dass Russland ein von Europa wie Asien ‘separater Weltteil’ darstelle. Als Vergleich bemisst sich die Landesfläche von Kanada, also des zweitgrößten Landes der Erde, auf gerade mal 10 Mio. km2, gefolgt von den USA (9.8 Mio. km2), China (9.6 Mio. km2), und Brasilien (8.6 Mio. km2). Russlands Luftlinie von West nach Ost misst satte 7000 km. Dies entspricht jener von Kairo nach Kapstadt, und somit hätte Afrika quer gelegen beinahe Platz im russischen Territorium. Die Luftlinie von Norden nach Süden bemisst sich in Russland auf 4.500 km, was wiederum derjenigen von Los Angeles nach New York entspricht und somit bedeutet, dass man die USA – um 90 Grad gedreht – innerhalb von Russlands Territorium platzieren könnte – von Norden nach Süden; all diejenigen, die einmal die Reise von der Amerikanischen Ost- an die Westküste unternommen haben, egal mit welchen Mitteln, mögen sich bestimmt an eine solche räumliche wie zeitliche Distanz erinnern!

Kurz: Russland hält geographisch fast alle Rekorde. Seine Landesgrenze ist denn so lange, dass sie sich fast eineinhalb Mal um den Äquator spannen ließe (57000 km), wobei alleine der ans Meer grenzende Anteil (37000 km) beinahe so lange ist wie der Erdumfang! Entsprechend misst seine kontinentale Landesgrenze entlang des euro-asiatischen Festlandes sage und schreibe den halben Erdumfang (20’000 km), was mit Abstand die längste Landesinnengrenze der Welt darstellt. Zum Vergleich: während die längste kontinentale Landesgrenze weltweit zwischen zwei souveränen Staaten, nämlich diejenige zwischen den USA und Kanada, 8900 km beträgt (einschließlich der Grenze zwischen Kanada und dem Bundesstaat Alaska, also eines verhältnismäßig großen US-Bundesstaates, der zudem im 19. Jahrhundert von Russland and Amerika verkauft wurde!), erstreckt sich Russlands gemeinsame Grenze alleine mit Kasachstan auf 7000 km. Während hingegen Kanada, also das territorial zweitgrößte Land der Erde, eigentlich nur die USA als direktes Nachbarland aufweist, sind es im Fall von Russland ganze 14 Nachbarländer. Schließlich grenzt Russland an nicht weniger als 10 Meere, inklusive an das Schwarze Meer und das Kaspische Meer – den Pazifik noch nicht einmal mitgezählt!

Karte: Russlands 14 Nachbarländer. Quelle: Stepmap.de

Dabei verläuft Russlands Landesgrenze entlang von so unterschiedlichen Nachbarstaaten wie Norwegen und Nordkorea, und während in sämtlichen seiner 14 Nachbarstaaten je eigene nationale Sprachen gesprochen werden, gilt das Russische im Falle der meisten der ehemaligen Sowjetrepubliken, wenn nicht de jure, aber de facto noch immer als die zweite offizielle Landessprache (siehe auch die Karte unten). Somit ist das Russische auch mit Abstand die am weitesten verbreitete Sprache im Rahmen einer integrierten kontinentalen Zone. Andere Europäische Sprachen wie etwas das Englische, aber auch das Spanische oder Französische haben sich global z.T. noch weiter ausdehnen können, jedoch nur aufgrund einer maritimen Ausweitung nach ‘Übersee’. In diesem Sinne kann man selbst die Vereinigten Staaten linguistisch als ein Territorium betrachten, das historisch zum Britischen Imperium und Commonwealth gehörte und im Rahmen dessen bekanntlich die Sonne nie unterging. Auf gleiche Weise könnte man historisch noch weiter zurückgehen, nämlich mit der Ausdehnung der englischen Sprache ursprünglich von England auf die Britischen Inseln, bzw. das Vereinigte Königreich.

Dabei ist Russlands gewaltige territoriale Dimension ein verhältnismäßig altes Phänomen, denn bereits vor Ablauf des 17. Jahrhunderts hatte es seine heutige Ausdehnung erreicht, also zu einer Zeit, als z.B. die Vereinigten Staaten noch unter Britischer Kolonialer Herrschaft war und der Löwenanteil Nordamerikas unter Französischer sowie Spanischer Herrschaft lag. Umgekehrt erreichte Russland im 20. Jahrhundert und zur Zeit der Sowjetunion eine noch wesentlich grössere Ausdehnung, was auf der folgenden Karte veranschaulicht wird:

Zwischen Russlands Angrenzung sowohl an Westeuropa als auch Nordamerika (Alaska) liegen seine Nachbarländer auch entlang politisch, kulturell, und klimatisch bunt zusammengewürfelten Regionen wie Skandinavien, dem Baltikum, Osteuropa, Zentralasien, und Ostasien. Während die Länge von Russlands gemeinsamen Grenzen auch mit China (4200 km) sowie der Mongolei (3500 km) im internationalen Vergleich weit vorne mithalten und Russland historisch nicht nur vom Mongolischen Reich, sondern auch von anderen Mächten mehrfach existentiell bedroht wurde, entstand interessanterweise entlang von Russlands Landesgrenzen nie so etwas wie eine ‘Chinesische Mauer’. In Europa wiederum erstreckt sich Russlands Landesgrenze selbst mit der heute von Russland unabhängigen Ukraine auf beinahe 2000 km, was der längsten Landesgrenze zwischen zwei souveränen Staaten in Europa entspricht. Zum Vergleich ist die Landesgrenze zwischen Norwegen und Schweden 1600 km lang, und diejenige zwischen Deutschland und Frankreich, also der beiden zentralen Eckpfeiler der Europäischen Union, gerade mal 450 km.

Karte: Territoriale Ausdehnung von Russland im Vergleich zur Sowjetunion. Quelle: Wikipedia

Wenn man in Rechnung stellt, dass die Russische Föderation auch nach dem Zerfall der Sowjetunion eine nukleare Supermacht geblieben ist und hier weiterhin mit den USA auf gleicher Ebene steht ,und beide Staaten hiermit auch heute noch eine exklusiv hohe Anzahl an Nuklearwaffen aufweisen, dann besitzt es im Vergleich zu den anderen vier führenden Nuklearmächten und permanenten Mitliedern im UNO-Sicherheitsrat (USA, Großbritannien, Frankreich, China) ein verhältnismäßig dezentralisiertes und heterogenes Verwaltungssystem, einschließlich vier Autonome Kreise (Awtonomnyj Okrug), neun Regionen (Kraj), 46 Gebiete (Oblast’), sowie drei Städte mit Sonderstatus (Moskau, Sankt Petersburg, Sewastopol).

Auch bleibt Russland trotz seiner mehrheitlich Europäisch geprägten Demographie (wie weiter unten vermerkt) ein Vielvölkerstaat, und insbesondere Sibirien weist eine hohe ethnische Diversität auf. Auch Zentralasien und die Kaukasus-Region, wo Russland seit längerem als dominante Regionalmacht Einfluss nahm, war schon immer beheimatet von diversen ethnischen Volksgruppen. Im Verlaufe der territorialen und imperialen Ausdehnung Russlands in Eurasien gab es hingegen nie einen Völkermord an lokalen Bevölkerungsgruppierungen, jedenfalls nichts, das nur annäherungsweise mit den Zuständen in Nordamerika vergleichbar wäre. Umgekehrt erhielt Russland bis zur Entstehung der Sowjetunion immer schon einen stetigen Bevölkerungszustrom insbesondere aus Westeuropa, und allein schon seine deutschstämmige Bevölkerung (siehe etwa die Wolga-Deutschen) ist beachtlich.

Die wohl charakteristischste Eigenschaft der physischen Geographie Russlands steht im Zusammenhang mit den spezifischen klimatischen Bedingungen des Landes, insbesondere was das weitflächige Sibirien östlich des Urals anbelangt, wo im Winter arktische Temperaturen herrschen. Während das Thermometer in den nordöstlichen Teilen Sibiriens auf minus 60 Grad Celsius fallen kann, bleiben in gewissen Teilen die Temperaturen im Jahresdurchschnitt bei -15 Grad. Es sind denn auch die Jahresmitteltemperaturen (siehe die folgende Karte), die immer schon dafür sorgten, dass sich der größte Teil von Russlands Bevölkerung auf die in Europa liegende westliche Zone konzentrierte. Seit der Aufzeichnung meteorologischer Daten zu Beginn des 19. Jahrhunderts bemisst sich Russlands Jahresdurchschnittstemperatur auf ein Mittel von -5,52 Grad Celsius; und während im selben Zeitraum das monatliche absolute Maximum lediglich 16,89 Grad Celsius betrug (Juli 2010), lag das absolute Minimum bei sage und schreibe -30,58 (Januar 1838); hierzu wäre allenfalls beizufügen, dass dieser Tiefpunkt in die Kleine Eiszeit fiel, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts andauerte.

Karte: Jährliche Durchschnittstemperatur in Russland. Quelle: https://russian-realestate.com/air-temperature-in-russia

Die äußerst kalten Wintermonate speziell im sibirischen Teil haben dazu geführt, dass sich nicht nur die große Mehrheit der Bevölkerung, sondern auch der Großstädte und Industriezonen auf die westlichen und südlichen Gebiete konzentrieren. Das Paradox Russlands politischer Geographie besteht darin, dass es territorial zwar mehrheitlich zu Asien gehört und dort praktisch ganz Nordasien umfasst, andererseits jedoch die überwiegende Mehrheit der Menschen im Europa zugewandten Teil westlich des Urals angesiedelt ist, also jenes Gebirgszuges, der geographisch Europa von Asien trennt. Somit ist Russland politisch, wirtschaftlich, und kulturell im Kern ein Europäisches Land. Russland wurde schon vor über 1000 Jahren von Byzanz aus christianisiert (siehe: Kiewer Rus) und weist heute die grösste orthodoxe Glaubensgemeinschaft des Christentums auf. Europas Zivilisationsgeschichte wäre jedenfalls undenkbar ohne den russischen Beitrag zur Wissenschaft, Literatur, klassischer Musik, zu den bildenden Künsten. Und dann gibt es natürlich noch das Bolschoi-Theater!

Karte: Bevölkerungsverteilung in Russland. Quelle: https://de.maps-russia.com/russland-bev%C3%B6lkerung-dichte-karte

Russland ist somit nicht nur mit weitem Abstand das territorial größte Land Europas (selbst was den Europäischen Teil westlich des Urals anbetrifft), sondern es ist auch heute noch klar demographisch Europas grösstes Land. Dabei wurde seine Demographie insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unverhältnismäßig stark in Mitleidenschaft gezogen, als Russland und die darauffolgende Sowjetunion aufgrund der beiden Weltkriege, der Bolschewistischen Revolution und des Bürgerkriegs an die 50 Millionen Tote – Soldaten und Zivilisten – zu verzeichnen hatte, wobei dies die Opfer der politischen Persekutionen durch das totalitäre Sowjetregime bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nicht einmal mit einschließt! Man stelle sich vor: während man noch ganz am Ende des 2. Weltkrieges in den USA, also jener Siegermacht, deren eigenes Territorium mit der Ausnahme von Hawaii (Pearl Harbor) weit entfernt lag von den eigentlichen Kriegshandlungen, und deren zivile Bevölkerung und Infrastruktur somit praktisch unversehrt blieben, argumentierte, dass der Einsatz der Atombomben gegen Japan (Hiroshima und Nagasaki) bis zu einer Million Amerikanischer Soldaten den Tot ersparen würde, verlor alleine die Sowjetrepublik Kasachstan im Krieg genau so viele Soldaten wie letztlich die USA im Krieg insgesamt, d.h. alle gefallenen US-Soldaten an beiden Fronten in Europa und dem Pazifik zusammen genommen (400.000). Und während die Sowjetunion die Rekordsumme von 12 Millionen Soldaten (etwa doppelt soviel wie Deutschland) in diesem bisher verheerendsten Krieg der Menschheitsgeschichte verlor und damit umgekehrt entscheidend zum Sieg gegen Nazi-Deutschland beitrug, verlor sie ebenso viele Zivilisten im Rahmen des von den Nazis gegen Ost-slawische Länder und Völker geführten totalen Vernichtungsfeldzuges. Um die apokalyptische Dimension dieses Kriegsverbrechens zu illustrieren: die damalige Sowjetrepublik Weißrussland alleine verlor während dieses Horrors ein Drittel seiner Bevölkerung! Jedenfalls wären somit die insgesamt 12 Millionen gewaltsam zu Tode gekommenen unbewaffneten slawischen Zivilisten doppelt so viel im Vergleich mit der bereits schon horrenden Zahl an Opfern (6 Millionen), die die jüdische Bevölkerung Europas durch den ebenso von den Nazis begangenen Holocaust erlitt!

All dies zeigt jedenfalls, dass die geographische Position eines Landes direkte Auswirkungen auch auf seine allgemeine demographische Entwicklung hat, und dass dieser Faktor häufig noch weit gewichtiger in Erscheinung tritt als wirtschaftliche oder politische Faktoren. Hätte Russland etwa wie z.B. im Falle der USA sozusagen von einem ‘weit entfernten’ Kontinent aus an den hauptsächlichen kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts teilnehmen können, wäre seine Bevölkerung heute ungefähr doppelt so gross, bzw. gleich gross wie diejenige der heutigen USA selbst (300 Mio). Dabei bleibt auch Russlands heutige Bevölkerung von 145 Mio noch immer stark rückläufig aufgrund der Altlasten der Sowjetunion sowie der direkten Folgen der in den 1990er Jahren durch den Internationalen Währungsfonds verhängten ‘Strukturellen Anpassungsprogramme’, die das post-sowjetische Russland beinahe zurück auf den Stand eines Entwicklungslandes geworfen hätten. Statistisch verlor Russland seit dem Ende des Kalten Krieges 1991 ca. 1 Million Menschen pro Jahr. Und selbst hiermit ist Russland noch so gross wie diejenige der beiden demographisch grössten Länder Westeuropas zusammengenommen, Deutschland (82 Mio) und das Vereinte Königreich (63 Mio).

Ansonsten aber blieb Russland immer schon aufgrund seines immensen Territoriums und v.a. des Umstands, dass weite Teile praktisch unbewohnbar sind, ein dünn besiedeltes Land insgesamt. Im krassen Gegensatz etwa zum dichtesten bevölkerten Land der Erde, Bangladesch, das ungefähr dieselbe Bevölkerungsgröße aufweist (155 Mio) wie Russland, jedoch im Vergleich winzig klein erscheint (knapp 150.000 km2), und das mit über 1000 Bewohner pro Quadratkilometer unverhältnismäßig dicht besiedelt ist, zählt Russland gerade mal 9 Bewohner pro Quadratkilometer, vergleichbar mit Kanada, wo durchschnittlich 11 Menschen pro Quadratkilometer leben. Auch Argentiniens Bevölkerungsdichte von 15 Menschen pro Quadratkilometer ist noch halbwegs vergleichbar. Zum weiteren Vergleich zählen die USA 35 Menschen pro Quadratkilometer, China 148, Westeuropa 183, und Indien 382. Nur gerade Island und Australien, wo auch schwierige meteorologischen Bedingungen herrschen, sind mit je 3 Bewohnern pro Quadratkilometer noch dünner besiedelt als Russland, während die Gesamtbevölkerung von Australien (25 Mio), also eines der entwickeltsten Länder, das zugleich ein separater Kontinent darstellt, unwesentlich grösser ist als Indiens Hauptstadt, New Delhi (22 Mio)!

Schließlich ist Moskau mit seinen 12,5 Mio Einwohnern klar Europas grösste Stadt, ein Drittel grösser als Europas zweitgrößte Stadt, London (9.0 Mio), gefolgt von Madrid (6.7 Mio) und Berlin (3.8 Mio). Und auch Russlands zweitgrößte Stadt, St. Petersburg ist mit seinen 5 Mio Einwohnern nicht nur die viert-größte Stadt Europas, sondern so groß wie Paris (2,15 Mio) und Rom (2,85 Mio) zusammengenommen, die Hauptstädte zweier G7 Länder. Dagegen ist Shanghai’s Bevölkerung fast doppelt so gross wie diejenige Moskaus. China weist heute über 100 Städte auf mit einer Bevölkerung von über 1 Mio Einwohnern auf, was doppelt so viel ist wie alle 1 Mio+ Großstädte Europa’s zusammen genommen.

Es verwundert also nicht, dass insbesondere westeuropäische Länder immer schon mit großem Staunen ihren geographisch erhabenen osteuropäischen Nachbarn betrachteten, und dass bei jener ‘westlichen’ Wahrnehmung viel Bewunderung, Faszination, und Attraktion, aber auch Vorsicht, Skepsis, wenn nicht Misstrauen herrschte. Auch ist Westeuropas Geographie im Vergleich zu anderen Kontinenten nicht nur territorial verhältnismäßig klein, sondern macht sie auch einen fragilen Eindruck (es reicht, eine Weltkarte zu betrachten). Hätte sich Russland jedenfalls im selben Maße und mit vergleichbarer Effizienz wie etwa Deutschland oder auch Japan industrialisieren können (die beiden Länder mit der grössten industriellen Produktivität seit der Wende zum 20. Jahrhundert), so wäre Russland wohl zur ultimativen Hyper-Macht aufgestiegen – nicht nur in Europa, sondern im Weltmaßstab und vermutlich auch in direktem Vergleich zu den USA. Und genau dies wäre beinahe geschehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Russland eine Konstitutionelle Monarchie war, wenn seiner damals beachtlichen wirtschaftlichen Entwicklung nicht der erste Weltkrieg sowie die bolschewistische Revolution einen fatalen Stock in die Speichen geworfen hätten.

Trotz der Altlasten aus der Zeit der Sowjetunion, seiner heute demographisch stark rückläufigen Entwicklung, sowie der derzeitigen harschen westlichen Wirtschaftssanktionen durch die USA und die EU, hat Russland aufgrund der sogenannten ‘Strassen- und Gürtelinitiative’ (Auch ‘Neue Seidenstraße’ genannt), die China 2013 lancierte, neue Aussichten auf Prosperität und Anschluss an die Spitze der führenden Weltmächte. Gemäß prospektiven makroökonomischen Daten wird Russlands Wirtschaft in den kommenden zwei Jahrzehnten merklich wachsen und somit auch im Jahre 2030 noch unter den Top-10 Volkswirtschaften verbleiben und von derzeit Platz 6 auf Platz 8 wechseln, während in Westeuropa nur noch Deutschland unter den Top-10 verbleiben wird und vom derzeitigen Platz 5 auf Platz 10 rutschen wird, gleich nach Japan, das vom 4. auf den 9. Platz sinken wird. In diesem Zusammenhang wäre interessanterweise noch zu erwähnen, dass die USA bis 2030 nicht nur von China, sondern auch durch Indien überrundet sein werden. Und selbst ein Land wie die Türkei wird vom derzeitigen 9. Platz auf Platz 5 avancieren und somit nach Indonesien aber vor Brasilien stehen, während zu diesem Phänomen nicht nur die Neue Seidenstraße, sondern eben auch die zentrale geostrategische Position des Landes im logistischen Scharnier zwischen Asien, Europa und Afrika beitragen werden. Im selben Sinne, und aufgrund der Ausweitung der Neuen Seidenstraße nach Westasien und Afrika wird selbst Ägypten vom bisher 21. auf den 7. Rang vorrücken; denn auch hier wird einmal mehr in der Geschichte die exklusive Rolle und geographische Position dieses Landes als Landbrücke zwischen Afrika und Eurasien zu einem wirtschaftlichen Comeback führen.

Der dritte Teil dieser Studie wird denn sein Augenmerk auf die strategischen Aspekte von Russlands politischer Geographie werfen, angefangen bei seinem ausgesprochenen Reichtum an Bodenschätzen, seiner einzigartigen Rolle als Landbrücke zwischen Europa und Asien, sowie den neuen geopolitischen Parametern, die in Eurasien u.a. mit der Neuen Seidenstraße entstanden sind.

Dies ist der zweite Teil eines dreiteiligen Gastbeitrags

Politische Geographie: Fallstudie Russland

Professor Alexandre Lambert. Foto: OSZE


Zur Person: Prof. Dr. Alexandre Lambert ist Akademischer Direktor des Genfer Instituts für Geopolitische Studien (GIGS). Er unterrichtet Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Internationale Sicherheit an der Webster Universität, Genf sowie der Geneva School of Diplomacy and International Relations und leitet als Direktor ein US-Amerikanisches Study Abroad Institut zu Weltgesundheits- und Entwicklungsfragen in Genf (www.sit.edu/szh). Vormals war er ziviler Beamter im Schweizerischen Bundes-Department für Verteidigung und dessen Sicherheitspolitischer Abteilung und hat zur Gründung des Genfer Zentrums für die Demokratische Kontrolle der Streitkräfte (DCAF) beigetragen. Seit gut zwanzig Jahren berät er als unabhängiger Experte und Akademiker im Bereich Internationale Beziehungen, sowie Außen- und Geopolitik.

Teil 1: Zur Bedeutung der Politischen Geographie und die Besondere Stellung Eurasiens

Ein kurzer Blick auf die Weltkarte zeigt, dass Eurasien der grösste Kontinent und Russland das territorial grösste Land der Erde ist. Bevor wir in den folgenden Kapiteln genauer auf die geographischen Eigenschaften Russlands eingehen, befasst sich dieser einleitende Teil mit der besonderen Bedeutung Eurasiens in der Weltgeographie und dem Umstand, dass Russland im Rahmen von Eurasien wiederum eine zentrale Rolle zukommt.

Russland’s territoriale Ausdehnung in Eurasien. Quelle: KartePlan.com

In der langen Zeitachse der Geschichte beeinflusst kein anderer Faktor sowohl die Politik der Länder und die Kultur der Völker sowie deren wechselseitige Beziehungen stärker als der Raum selbst, und im politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang bezeichnet dies die Geographie. Insofern sind die geographischen Eigenschaften von Territorium einerseits und der sich auf diesem Territorium befindlichen Bevölkerung/Demographie andererseits zentral auch zum Verständnis von Politikwissenschaft sowie den Internationalen Beziehungen. Z.B. kann man ohne die geographischen Eigenschaften der Schweiz nicht erklären, weshalb gerade dieses Land so lange Zeit ein verhältnismäßig armes Land in Europa war! Immer schon relativ klein – territorial sowie demographisch – im Vergleich zu Nachbarländern, ohne direkten Zugang zum Meer und deren Küstenregionen (im Englischen nennt man diesen Zustand ‘landlocked’), wo sich der Löwenanteil des Fernhandels sowie der industrialisierten Zonen bis weit in die Neuzeit konzentrierte, und zu einer Zeit, bei der Transportkosten relativ teuer waren, situiert in der höchsten Alpinen Erhebung mit entsprechend schwierigen klimatischen und topographischen Lebensbedingungen, und ohne lokales Vorkommen strategischer Bodenschätze, lediglich profitierend von einer der schnellsten Nord-Süd-Transportachse von Norditalien nach Nordeuropa (St. Gotthard), stellten die besonderen geographischen Voraussetzungen ihres Territoriums für die Schweizer eine große Herausforderung dar, um im wirtschaftlichen Wettstreit mit anderen Europäischen Ländern mitzuhalten, sowohl nördlich als auch südlich der Alpen.

Dass Politik und Geographie eng miteinender verknüpft sind, dessen waren sich jedoch auch gerade die Großmächte bewusst. Gemäß einer gut bekannten Redewendung Napoleons bestimmt die Geographie die Politik sowie die relative Macht eines Staates, wenn nicht gar das Schicksal eines Landes. Und wohl nirgendwo anders als bei seinem Russland-Feldzug (Juni – Dezember 1812) bekam dies seine Armee besonders zu spüren, mündete doch seine Kampagne in einem Fiasko angesichts des einbrechenden ‘Russischen Winters’. In keinem anderen Land Europas – mit der Ausnahme vielleicht von Finnland – wird es im Winter dermaßen kalt wie in Russland. Das dort charakteristische kontinentale Klima führt alleine in der Hauptstadt Moskau zu Temperaturen bis zu Minus 30 Grad Celsius. Und lange bevor es in Europa ein Eisenbahnnetz, geschweige denn motorisierte Fortbewegungsmittel gab mussten insbesondere Napoleons Fußtruppen erst einmal den Marsch nach Russland bewältigen. Die reine Luftlinie von Paris nach Moskau misst satte 2500 km, was ungefähr der Distanz von Oslo nach Athen entspricht. Zum Vergleich: diejenige von Paris und Berlin beträgt ‘lediglich’ 1’000 km. Der einzige Trost für die Teilnehmer dieses historischen, vorindustriellen Marsches, war der Umstand, dass das Territorium zwischen Paris und Moskau, also die nordeuropäischen Tiefebene, ein verhältnismäßig ebenes Terrain darstellt und somit relativ einfach zu bewältigen ist, zumal wenn man es mitsamt Kriegsmaterial durchqueren muss.

Sich im Wesentlichen auf Territorium und Bevölkerung von Ländern richtend, konzentriert sich die politische Geographie denn auch auf die beiden Eckpfeiler staatlicher Souveränität; bzw. ein Staat ist dann souverän, wenn er die Kontrolle über sein Territorium und seine Berölkerung ausüben kann. Was den territorialen Faktor anbetrifft, so befasst sie sich mit der gegraphischen Ausdehnung und Position sowie den klimatischen, vegetativen, und topographischen Bedingungen; und natürlich spielen dabei die Rohstoffe und Bodenschätze eine wichtige Rolle. Was den Bevölkerungsfaktor anbetrifft, so ist wiederum die Größe sowie territoriale Verteilung der Bevölkerung wichtig, ihre geschichtlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, gesundheits- und bildungsspezifischen Eigenschaften, sowie die relative Industrialisierung und Urbanisierung. Nebst den natürlichen Rohstoffen eines Landes spielt denn speziell das ‘Humankapital’ eine wichtige Rolle beim wirtschaftlichen Wettbewerb, das heißt der durchschnittliche Bildungsstand der Bevölkerung. Ein hoher durchschnittlicher Bildungsstand der Bevölkerung fördert Innovationsfähigkeit und wirtschaftliche Effizienz, industrielle Produktivität und wirtschaftliche Diversifizierung. Zum Beispiel wäre es auch hier wieder undenkbar, den wirtschaftlichen Aufstieg der Schweiz in der späten Neuzeit nachzuvollziehen, hätten die Gründerväter des modernen Helvetischen Bundesstaates seit dem 19. Jahrhundert nicht systematisch das öffentliches Bildungswesen gefördert, bzw. hätten sie gleichzeitig nicht auch generell in öffentliche Dienstleistungen, Industrialisierung und große Infrastrukturprojekte wie z.B. das Eisenbahnnetz investiert.

Waren es ursprünglich v.a. deutsche Gelehrte in Europa, die die Wissenschaft der politischen Geographie begründeten, von Alexander von Humboldt (1769-1859) und Carl Ritter (1779-1859) über Friedrich Ratzel (1844-1904) bis hin zu Karl Ernst Haushofer (1869-1946), dessen historische Rolle aufgrund seiner Nähe zum Hitler-Regime kontrovers bleibt, treten seit der Wende zum 20. Jahrhundert der von Ratzel stark beeinflusste Schwede Rodulf Kjellen, und insbesondere die Anglo-Amerikanischen Gründerväter der spezifischen Perspektive der politischen Geographie aus dem Blickwinkel von Seemächten in Erscheinung. 2014 jährte sich der Todestag von Alfred Thayer Mahan zum hundertsten Mal, also des renomierten Amerikanischen Marine-Historikers, Strategen und geographischen Theoretikers, der am U.S. Naval College in Newport in Rhode Island lehrte. Mahan verfasste 1890 ein für die damalige Zeit revolutionäres Werk zur Geschichte maritimer Kriegsführung, in dem der den entscheidenden Einfluss von ‘Seemacht’ (naval power) auf die Geschichte selbst beschrieb (The Influence of Sea Power Upon History, 1660-1783) – also den relativen Vorteil von Seemächten wie z.B. Großbritannien oder die USA im Vergleich zu kontinentalen Mächten wie etwa Deutschland und Russland. Dieses Werk wurde gewissermaßen zur ‘Bibel’ damaliger Militärstrategie weltweit, und selbst Kaiser Wilhelm II. ordnete angeblich an, dass es auf jedem einzelnen Preußischen Kriegsschiff präsent war. Mit seinen «6 Elementen der Seemacht» bezeichnete Mahan ferner Grundprinzipien der politischen Geographie, die praktisch für jedes Land zentral sind: geographische Position (geographical position); physiologische Konfiguration (physical configuration); territoriale Größe (territorial extent); Größe der Bevölkerung (size of population); Eigenschaft der Bevölkerung (character of population); Eigenschaft der Regierung (character of government).

Ein Jahrzehnt später, im trans-atlantischen London, veröffentlichte der Britische politische Geograph, Halford John Mackinder 1904 ein weiteres bahnbrechendes Werk, das das geopolitische Denken des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflussen sollte: «The Geographical Pivot of History» (1904). Übersetzt man ‘Pivot’ mit ‘Dreh- oder Angelpunkt’, dann bezeichnet dies eine inhärente geographische Dynamik, die in direktem Zusammenhang steht mit dem grössten Kontinent der Erde, Eurasien, innerhalb dessen wiederum Russland geographisch eine zentrale Rolle zukommt. Mackinder, der sozusagen ein Welt-Geograph war, bezeichnete den kontinentalen Komplex von Eurasien und Afrika als ‘Weltinsel’ (world island), dem sowohl der Amerikanische Sub-Kontinent (Westliche Hemisphäre) als auch Ozeanian (u.a. Australien und Neu Seeland) als ‘periphäre Inseln’ gegenüber stehen.

Weltinsel (rot). Quelle: Wikipedia.

Entsprechend betrachtete bereits Mahan sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Britischen Inseln sozusagen als ‘Offshore’-Inseln aus der Sicht der Weltgeographie, sowohl was deren geographische Position zur Eurasien-Afrika-Weltinsel betrifft, als auch diejenige zum Euro-Asiatischen Festland selbst. Nun richtete Mackinder sein Augenmerk auf Eurasiens ‘Herzland’ (heart land), die er auch ‘pivot area’ nannte, ein weitflächiges Gebiet, das sich von der «Wolga zum Yangtse» und vom «Himalaya zur Arktik» erstreckt, also eine weitläufige territoriale Zone, die bereits zur damaligen Zeit mehrheitlich vom Russischen Reich kontrolliert wurde. Bezeichnenderweise fällt nun dieses Eurasische ‘Herzland’ mit der sogenannten ‘Strategischen Ellipse’ (strategic ellipse) zusammen, also jenes Gebiet, in dem sich u.a. 70 % der weltweiten Rohöl-Reserven sowie 60% der weltweiten Erdgas-Reserven konzentrieren, und die sich ferner im Zentrum der vier weltweit grössten Bevölkerungs- und Energiekonsum-Zonen befindet (Nordamerika, Europa, Südasien, Ostasien).

Strategic Ellipse. Quelle: Clingendael International Energy Programme, 3‐4 May 2010

Seit dem 19. Jahrhundert, also in der Folge der industriellen Revolution, war es oberstes Gebot für jegliche Weltmacht, die Kontrolle über die strategischen Energie-Rohstoffe und -Märkte (zunächst Kohle und dann zunehmend Rohöl) zu sichern. Tatsache ist, dass sich bereits ein verhältnismäßig grosser Anteil an Rohöl – sowie in jüngerer Zeit des strategisch wichtiger werdenden Erdgases – auf das russische Territorium konzentriert. Zudem übt Russland aufgrund seiner geographischen Nähe zu den übrigen rohstoffreichen Regionen der Strategischen Ellipse wie der Kaspischen Senke, Zentralasien sowie zum Mittleren Osten sowie zu allen vier oben genannten Energie-Konsumzonen einen zusätzlich strategischen Einfluss auf die globale Energiepolitik aus. Schließlich besteht mit einer potentiellen Partnerschaft zwischen Russland und der zweitgrößten Kontinentalmacht Europas, Deutschland, ein geostrategisches Szenario, das schon immer ein Dorn im Auge Londons und Washingtons war. Es galt mit allen Mitteln zu verhindern, dass sich eine Pan-Europäische Wirtschaftsallianz bilden könnte, bei der sich deutsche Technologie mit Russischen/Sowjetischen Rohstoffen verbinden würde. Dass dies auch nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion eines der obersten Gebote des Atlantischen Camps in Europa blieb, zeigt mitunter die NATO-Osterweiterung, die einen politisch-militärischen Keil zwischen Berlin und Moskau getrieben hat.

Um Russland nachhaltig daran zu hindern, sich geopolitisch und geoökonomisch weiter nach Eurasien auszudehnen und insbesondere an den Indischen Ozean vorzudringen, entwickelten die Anglo-Amerikanischen Seemächte (Britisches Imperium; USA) seit dem 19. Jahrhundert eine sogenannte ‘Eindämmungspolitik’ des Russischen Imperiums und sodann der UDSSR die nach dem Zweiten Weltkrieg und im Verlaufe des Kalten Krieges formell als ‘Containment’ Politik bezeichnet wurde und u.a. als ‘Truman Doktrin’ die Geschichte des 20. Jahrhunderts prägte. Der intellektuelle Gründervater dieser den Kalten Krieg stark prägenden ‘Containment-Politik’ gegenüber der Sowjetunion war der aus den Niederlanden stammende und an der Yale Universität lehrende Politikwissenschaftler, Nicholas Spykman. Selbst stark von Mahan und Mackinder geprägt, entwarf Spykman komplementär zu Mackinder’s ‘Heartland’-Theorie seine ‘Rimland’-Theorie, in der er sein Augenmerk nicht auf das Zentrum, sondern die an die warmen Meereszonen grenzende Peripherie Eurasiens legte. Gemäss Spykman lag in der Kontrolle dieser Rimland-Zone, wo sich auch der Bärenanteil der Weltbevölkerung, der industriellen Kapazität, sowie des Welthandels konzentrieren, der Schlüssel zur Eindämmung der Sowjetunion und somit zur US-Amerikanischen Vorherrschaft in der Weltpolitik. Bezeichnenderweise konzentriert sich seither der Bärenanteil der US-Amerikansichen sowie der internationalen U.S. Militärbasen auf dieses Rimland, das sich von Westeuropa (NATO), über den Mittleren Osten, nach Süd-, Süd-Ost, und Ost-Asien erstreckt.

‘Heartland’ und ‘Rimland.; Quelle: https://coldwargeopolitics.wordpress.com/2016/03/12/geopolitical-theories-driving-proxy-wars-during-the-cold-war

Da Russland innerhalb des Eurasischen Kontinentes geographisch eine Schlüsselposition zukommt, aufgrund seiner beachtlichen territorialen Ausdehnung, seiner schier unerschöpflichen Bodenschätze, sowie seiner spezifische geographische Funktion als Kontinentalbrücke zwischen Europa mit Asien, ist es denn auch nicht verwunderlich, dass grade Russland in der Weltpolitik der Neuzeit immer schon von herausragender geostrategischer Bedeutung war. Bereits zur Wende des 20. Jahrhunderts befand Mackinder in für die Zeitgeschichte prominent gewordener Weise: «Wer über Osteuropa gebietet, gebietet über das Herzland; wer über das Herzland gebietet, gebietet über die Weltinsel; und wer über die Weltinsel gebietet, gebietet über die Welt». Und entsprechend fügte Spykman ein halbes Jahrhundert in verkürzter Weise bei: «Wer über das Rimland gebietet, gebietet über die Weltinsel; und wer über die Weltinsel gebietet, gebietet über die Welt».

Wenn demnach die Welt im Verlaufe der letzten zwei Jahrhunderten von den beiden Anglo-Amerikanischen Seemächten dominiert werden konnte, dann deswegen, weil es ihnen gelungen war, die geopolitische Expansion Russlands und somit der wichtigsten kontinentalen Macht Eurasiens einzudämmen. Nun verändert sich die politische Geographie Russlands und Eurasiens insgesamt aufgrund der von China 2013 lancierten Neuen Seidenstraße (Belt And Road Initiative). Die kommenden Abschnitte behandeln denn nicht nur die grundlegenden Faktoren von Russlands Politischer Geographie, sondern darüber hinaus das mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und Asiens sich insgesamt verändernde geopoltische Schachbrett Eurasiens und die damit verknüpfte mögliche Rückkehr der Kontinentalmächte.

Dies ist der erste Teil eines dreiteiligen Gastbeitrages