Politische Geographie: Fallstudie Russland (Teil 2)

Professor Alexandre Lambert. Foto: OSZE


Zur Person: Prof. Dr. Alexandre Lambert ist Akademischer Direktor des Genfer Instituts für Geopolitische Studien (GIGS). Er unterrichtet Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Internationale Sicherheit an der Webster Universität, Genf sowie der Geneva School of Diplomacy and International Relations und leitet als Direktor ein US-Amerikanisches Study Abroad Institut zu Weltgesundheits- und Entwicklungsfragen in Genf (www.sit.edu/szh). Vormals war er ziviler Beamter im Schweizerischen Bundes-Department für Verteidigung und dessen Sicherheitspolitischer Abteilung und hat zur Gründung des Genfer Zentrums für die Demokratische Kontrolle der Streitkräfte (DCAF) beigetragen. Seit gut zwanzig Jahren berät er als unabhängiger Experte und Akademiker im Bereich Internationale Beziehungen, sowie Außen- und Geopolitik.

Teil 2: Russlands spezifische geographische und demographische Eigenschaften

Im Verlaufe der Neuzeit und in dem Maße, wie sich Russland über die Jahrhunderte nach Zentralasien und Sibirien ausdehnte, wurde eben dieses Land zunehmend zentral im Verständnis der politischen Geographie Eurasiens, also des geopolitischen Schlüssel-Kontinents. Aufgrund seiner massiven territorialen Ausdehnung, seines enormen Reichtums an Bodenschätzen, sowie seiner strategisch positionierten Lage als natürliche Landbrücke zwischen Europa und Ostasien erlangte Russland im Verlaufe des 19. Jahrhunderts nicht nur eine internationale Bedeutung als Großmacht, sondern es spielte auch eine wichtige Rolle in der Balance der Weltmächte insgesamt. Und kein anderer Faktor als die Geographie hat dies mehr mitgeprägt. Was Russland betrifft, so bezeichnet die Geographie jedenfalls ein Universum für sich!

Zunächst fällt bei der Betrachtung der politischen Weltkarte auf, dass Russland mit Abstand das territorial grösste Land der Erde ist, und dass es mit Ausnahme von Skandinavien fast den gesamten nördlichen Teil Eurasiens abdeckt. Selbst im Rahmen der nördlichen Hemisphäre stellt das russische Territorium einen herausragenden Brocken dar. Nicht nur ist Russland mit seinen kolossalen 17,1 Mio. km2 ein territorialer Gigant, v.a. innerhalb Eurasiens, das selbst auch den größten und geographisch zentralsten Kontinent der Welt darstellt; das Land erstreckt sich wie angedeutet gar über zwei Kontinente hinweg (Europa und Asien), was sonst kein anderes Land der Erde schafft – es sei denn, man argumentiert, dass Russland ein von Europa wie Asien ‘separater Weltteil’ darstelle. Als Vergleich bemisst sich die Landesfläche von Kanada, also des zweitgrößten Landes der Erde, auf gerade mal 10 Mio. km2, gefolgt von den USA (9.8 Mio. km2), China (9.6 Mio. km2), und Brasilien (8.6 Mio. km2). Russlands Luftlinie von West nach Ost misst satte 7000 km. Dies entspricht jener von Kairo nach Kapstadt, und somit hätte Afrika quer gelegen beinahe Platz im russischen Territorium. Die Luftlinie von Norden nach Süden bemisst sich in Russland auf 4.500 km, was wiederum derjenigen von Los Angeles nach New York entspricht und somit bedeutet, dass man die USA – um 90 Grad gedreht – innerhalb von Russlands Territorium platzieren könnte – von Norden nach Süden; all diejenigen, die einmal die Reise von der Amerikanischen Ost- an die Westküste unternommen haben, egal mit welchen Mitteln, mögen sich bestimmt an eine solche räumliche wie zeitliche Distanz erinnern!

Kurz: Russland hält geographisch fast alle Rekorde. Seine Landesgrenze ist denn so lange, dass sie sich fast eineinhalb Mal um den Äquator spannen ließe (57000 km), wobei alleine der ans Meer grenzende Anteil (37000 km) beinahe so lange ist wie der Erdumfang! Entsprechend misst seine kontinentale Landesgrenze entlang des euro-asiatischen Festlandes sage und schreibe den halben Erdumfang (20’000 km), was mit Abstand die längste Landesinnengrenze der Welt darstellt. Zum Vergleich: während die längste kontinentale Landesgrenze weltweit zwischen zwei souveränen Staaten, nämlich diejenige zwischen den USA und Kanada, 8900 km beträgt (einschließlich der Grenze zwischen Kanada und dem Bundesstaat Alaska, also eines verhältnismäßig großen US-Bundesstaates, der zudem im 19. Jahrhundert von Russland and Amerika verkauft wurde!), erstreckt sich Russlands gemeinsame Grenze alleine mit Kasachstan auf 7000 km. Während hingegen Kanada, also das territorial zweitgrößte Land der Erde, eigentlich nur die USA als direktes Nachbarland aufweist, sind es im Fall von Russland ganze 14 Nachbarländer. Schließlich grenzt Russland an nicht weniger als 10 Meere, inklusive an das Schwarze Meer und das Kaspische Meer – den Pazifik noch nicht einmal mitgezählt!

Karte: Russlands 14 Nachbarländer. Quelle: Stepmap.de

Dabei verläuft Russlands Landesgrenze entlang von so unterschiedlichen Nachbarstaaten wie Norwegen und Nordkorea, und während in sämtlichen seiner 14 Nachbarstaaten je eigene nationale Sprachen gesprochen werden, gilt das Russische im Falle der meisten der ehemaligen Sowjetrepubliken, wenn nicht de jure, aber de facto noch immer als die zweite offizielle Landessprache (siehe auch die Karte unten). Somit ist das Russische auch mit Abstand die am weitesten verbreitete Sprache im Rahmen einer integrierten kontinentalen Zone. Andere Europäische Sprachen wie etwas das Englische, aber auch das Spanische oder Französische haben sich global z.T. noch weiter ausdehnen können, jedoch nur aufgrund einer maritimen Ausweitung nach ‘Übersee’. In diesem Sinne kann man selbst die Vereinigten Staaten linguistisch als ein Territorium betrachten, das historisch zum Britischen Imperium und Commonwealth gehörte und im Rahmen dessen bekanntlich die Sonne nie unterging. Auf gleiche Weise könnte man historisch noch weiter zurückgehen, nämlich mit der Ausdehnung der englischen Sprache ursprünglich von England auf die Britischen Inseln, bzw. das Vereinigte Königreich.

Dabei ist Russlands gewaltige territoriale Dimension ein verhältnismäßig altes Phänomen, denn bereits vor Ablauf des 17. Jahrhunderts hatte es seine heutige Ausdehnung erreicht, also zu einer Zeit, als z.B. die Vereinigten Staaten noch unter Britischer Kolonialer Herrschaft war und der Löwenanteil Nordamerikas unter Französischer sowie Spanischer Herrschaft lag. Umgekehrt erreichte Russland im 20. Jahrhundert und zur Zeit der Sowjetunion eine noch wesentlich grössere Ausdehnung, was auf der folgenden Karte veranschaulicht wird:

Zwischen Russlands Angrenzung sowohl an Westeuropa als auch Nordamerika (Alaska) liegen seine Nachbarländer auch entlang politisch, kulturell, und klimatisch bunt zusammengewürfelten Regionen wie Skandinavien, dem Baltikum, Osteuropa, Zentralasien, und Ostasien. Während die Länge von Russlands gemeinsamen Grenzen auch mit China (4200 km) sowie der Mongolei (3500 km) im internationalen Vergleich weit vorne mithalten und Russland historisch nicht nur vom Mongolischen Reich, sondern auch von anderen Mächten mehrfach existentiell bedroht wurde, entstand interessanterweise entlang von Russlands Landesgrenzen nie so etwas wie eine ‘Chinesische Mauer’. In Europa wiederum erstreckt sich Russlands Landesgrenze selbst mit der heute von Russland unabhängigen Ukraine auf beinahe 2000 km, was der längsten Landesgrenze zwischen zwei souveränen Staaten in Europa entspricht. Zum Vergleich ist die Landesgrenze zwischen Norwegen und Schweden 1600 km lang, und diejenige zwischen Deutschland und Frankreich, also der beiden zentralen Eckpfeiler der Europäischen Union, gerade mal 450 km.

Karte: Territoriale Ausdehnung von Russland im Vergleich zur Sowjetunion. Quelle: Wikipedia

Wenn man in Rechnung stellt, dass die Russische Föderation auch nach dem Zerfall der Sowjetunion eine nukleare Supermacht geblieben ist und hier weiterhin mit den USA auf gleicher Ebene steht ,und beide Staaten hiermit auch heute noch eine exklusiv hohe Anzahl an Nuklearwaffen aufweisen, dann besitzt es im Vergleich zu den anderen vier führenden Nuklearmächten und permanenten Mitliedern im UNO-Sicherheitsrat (USA, Großbritannien, Frankreich, China) ein verhältnismäßig dezentralisiertes und heterogenes Verwaltungssystem, einschließlich vier Autonome Kreise (Awtonomnyj Okrug), neun Regionen (Kraj), 46 Gebiete (Oblast’), sowie drei Städte mit Sonderstatus (Moskau, Sankt Petersburg, Sewastopol).

Auch bleibt Russland trotz seiner mehrheitlich Europäisch geprägten Demographie (wie weiter unten vermerkt) ein Vielvölkerstaat, und insbesondere Sibirien weist eine hohe ethnische Diversität auf. Auch Zentralasien und die Kaukasus-Region, wo Russland seit längerem als dominante Regionalmacht Einfluss nahm, war schon immer beheimatet von diversen ethnischen Volksgruppen. Im Verlaufe der territorialen und imperialen Ausdehnung Russlands in Eurasien gab es hingegen nie einen Völkermord an lokalen Bevölkerungsgruppierungen, jedenfalls nichts, das nur annäherungsweise mit den Zuständen in Nordamerika vergleichbar wäre. Umgekehrt erhielt Russland bis zur Entstehung der Sowjetunion immer schon einen stetigen Bevölkerungszustrom insbesondere aus Westeuropa, und allein schon seine deutschstämmige Bevölkerung (siehe etwa die Wolga-Deutschen) ist beachtlich.

Die wohl charakteristischste Eigenschaft der physischen Geographie Russlands steht im Zusammenhang mit den spezifischen klimatischen Bedingungen des Landes, insbesondere was das weitflächige Sibirien östlich des Urals anbelangt, wo im Winter arktische Temperaturen herrschen. Während das Thermometer in den nordöstlichen Teilen Sibiriens auf minus 60 Grad Celsius fallen kann, bleiben in gewissen Teilen die Temperaturen im Jahresdurchschnitt bei -15 Grad. Es sind denn auch die Jahresmitteltemperaturen (siehe die folgende Karte), die immer schon dafür sorgten, dass sich der größte Teil von Russlands Bevölkerung auf die in Europa liegende westliche Zone konzentrierte. Seit der Aufzeichnung meteorologischer Daten zu Beginn des 19. Jahrhunderts bemisst sich Russlands Jahresdurchschnittstemperatur auf ein Mittel von -5,52 Grad Celsius; und während im selben Zeitraum das monatliche absolute Maximum lediglich 16,89 Grad Celsius betrug (Juli 2010), lag das absolute Minimum bei sage und schreibe -30,58 (Januar 1838); hierzu wäre allenfalls beizufügen, dass dieser Tiefpunkt in die Kleine Eiszeit fiel, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts andauerte.

Karte: Jährliche Durchschnittstemperatur in Russland. Quelle: https://russian-realestate.com/air-temperature-in-russia

Die äußerst kalten Wintermonate speziell im sibirischen Teil haben dazu geführt, dass sich nicht nur die große Mehrheit der Bevölkerung, sondern auch der Großstädte und Industriezonen auf die westlichen und südlichen Gebiete konzentrieren. Das Paradox Russlands politischer Geographie besteht darin, dass es territorial zwar mehrheitlich zu Asien gehört und dort praktisch ganz Nordasien umfasst, andererseits jedoch die überwiegende Mehrheit der Menschen im Europa zugewandten Teil westlich des Urals angesiedelt ist, also jenes Gebirgszuges, der geographisch Europa von Asien trennt. Somit ist Russland politisch, wirtschaftlich, und kulturell im Kern ein Europäisches Land. Russland wurde schon vor über 1000 Jahren von Byzanz aus christianisiert (siehe: Kiewer Rus) und weist heute die grösste orthodoxe Glaubensgemeinschaft des Christentums auf. Europas Zivilisationsgeschichte wäre jedenfalls undenkbar ohne den russischen Beitrag zur Wissenschaft, Literatur, klassischer Musik, zu den bildenden Künsten. Und dann gibt es natürlich noch das Bolschoi-Theater!

Karte: Bevölkerungsverteilung in Russland. Quelle: https://de.maps-russia.com/russland-bev%C3%B6lkerung-dichte-karte

Russland ist somit nicht nur mit weitem Abstand das territorial größte Land Europas (selbst was den Europäischen Teil westlich des Urals anbetrifft), sondern es ist auch heute noch klar demographisch Europas grösstes Land. Dabei wurde seine Demographie insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unverhältnismäßig stark in Mitleidenschaft gezogen, als Russland und die darauffolgende Sowjetunion aufgrund der beiden Weltkriege, der Bolschewistischen Revolution und des Bürgerkriegs an die 50 Millionen Tote – Soldaten und Zivilisten – zu verzeichnen hatte, wobei dies die Opfer der politischen Persekutionen durch das totalitäre Sowjetregime bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nicht einmal mit einschließt! Man stelle sich vor: während man noch ganz am Ende des 2. Weltkrieges in den USA, also jener Siegermacht, deren eigenes Territorium mit der Ausnahme von Hawaii (Pearl Harbor) weit entfernt lag von den eigentlichen Kriegshandlungen, und deren zivile Bevölkerung und Infrastruktur somit praktisch unversehrt blieben, argumentierte, dass der Einsatz der Atombomben gegen Japan (Hiroshima und Nagasaki) bis zu einer Million Amerikanischer Soldaten den Tot ersparen würde, verlor alleine die Sowjetrepublik Kasachstan im Krieg genau so viele Soldaten wie letztlich die USA im Krieg insgesamt, d.h. alle gefallenen US-Soldaten an beiden Fronten in Europa und dem Pazifik zusammen genommen (400.000). Und während die Sowjetunion die Rekordsumme von 12 Millionen Soldaten (etwa doppelt soviel wie Deutschland) in diesem bisher verheerendsten Krieg der Menschheitsgeschichte verlor und damit umgekehrt entscheidend zum Sieg gegen Nazi-Deutschland beitrug, verlor sie ebenso viele Zivilisten im Rahmen des von den Nazis gegen Ost-slawische Länder und Völker geführten totalen Vernichtungsfeldzuges. Um die apokalyptische Dimension dieses Kriegsverbrechens zu illustrieren: die damalige Sowjetrepublik Weißrussland alleine verlor während dieses Horrors ein Drittel seiner Bevölkerung! Jedenfalls wären somit die insgesamt 12 Millionen gewaltsam zu Tode gekommenen unbewaffneten slawischen Zivilisten doppelt so viel im Vergleich mit der bereits schon horrenden Zahl an Opfern (6 Millionen), die die jüdische Bevölkerung Europas durch den ebenso von den Nazis begangenen Holocaust erlitt!

All dies zeigt jedenfalls, dass die geographische Position eines Landes direkte Auswirkungen auch auf seine allgemeine demographische Entwicklung hat, und dass dieser Faktor häufig noch weit gewichtiger in Erscheinung tritt als wirtschaftliche oder politische Faktoren. Hätte Russland etwa wie z.B. im Falle der USA sozusagen von einem ‘weit entfernten’ Kontinent aus an den hauptsächlichen kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts teilnehmen können, wäre seine Bevölkerung heute ungefähr doppelt so gross, bzw. gleich gross wie diejenige der heutigen USA selbst (300 Mio). Dabei bleibt auch Russlands heutige Bevölkerung von 145 Mio noch immer stark rückläufig aufgrund der Altlasten der Sowjetunion sowie der direkten Folgen der in den 1990er Jahren durch den Internationalen Währungsfonds verhängten ‘Strukturellen Anpassungsprogramme’, die das post-sowjetische Russland beinahe zurück auf den Stand eines Entwicklungslandes geworfen hätten. Statistisch verlor Russland seit dem Ende des Kalten Krieges 1991 ca. 1 Million Menschen pro Jahr. Und selbst hiermit ist Russland noch so gross wie diejenige der beiden demographisch grössten Länder Westeuropas zusammengenommen, Deutschland (82 Mio) und das Vereinte Königreich (63 Mio).

Ansonsten aber blieb Russland immer schon aufgrund seines immensen Territoriums und v.a. des Umstands, dass weite Teile praktisch unbewohnbar sind, ein dünn besiedeltes Land insgesamt. Im krassen Gegensatz etwa zum dichtesten bevölkerten Land der Erde, Bangladesch, das ungefähr dieselbe Bevölkerungsgröße aufweist (155 Mio) wie Russland, jedoch im Vergleich winzig klein erscheint (knapp 150.000 km2), und das mit über 1000 Bewohner pro Quadratkilometer unverhältnismäßig dicht besiedelt ist, zählt Russland gerade mal 9 Bewohner pro Quadratkilometer, vergleichbar mit Kanada, wo durchschnittlich 11 Menschen pro Quadratkilometer leben. Auch Argentiniens Bevölkerungsdichte von 15 Menschen pro Quadratkilometer ist noch halbwegs vergleichbar. Zum weiteren Vergleich zählen die USA 35 Menschen pro Quadratkilometer, China 148, Westeuropa 183, und Indien 382. Nur gerade Island und Australien, wo auch schwierige meteorologischen Bedingungen herrschen, sind mit je 3 Bewohnern pro Quadratkilometer noch dünner besiedelt als Russland, während die Gesamtbevölkerung von Australien (25 Mio), also eines der entwickeltsten Länder, das zugleich ein separater Kontinent darstellt, unwesentlich grösser ist als Indiens Hauptstadt, New Delhi (22 Mio)!

Schließlich ist Moskau mit seinen 12,5 Mio Einwohnern klar Europas grösste Stadt, ein Drittel grösser als Europas zweitgrößte Stadt, London (9.0 Mio), gefolgt von Madrid (6.7 Mio) und Berlin (3.8 Mio). Und auch Russlands zweitgrößte Stadt, St. Petersburg ist mit seinen 5 Mio Einwohnern nicht nur die viert-größte Stadt Europas, sondern so groß wie Paris (2,15 Mio) und Rom (2,85 Mio) zusammengenommen, die Hauptstädte zweier G7 Länder. Dagegen ist Shanghai’s Bevölkerung fast doppelt so gross wie diejenige Moskaus. China weist heute über 100 Städte auf mit einer Bevölkerung von über 1 Mio Einwohnern auf, was doppelt so viel ist wie alle 1 Mio+ Großstädte Europa’s zusammen genommen.

Es verwundert also nicht, dass insbesondere westeuropäische Länder immer schon mit großem Staunen ihren geographisch erhabenen osteuropäischen Nachbarn betrachteten, und dass bei jener ‘westlichen’ Wahrnehmung viel Bewunderung, Faszination, und Attraktion, aber auch Vorsicht, Skepsis, wenn nicht Misstrauen herrschte. Auch ist Westeuropas Geographie im Vergleich zu anderen Kontinenten nicht nur territorial verhältnismäßig klein, sondern macht sie auch einen fragilen Eindruck (es reicht, eine Weltkarte zu betrachten). Hätte sich Russland jedenfalls im selben Maße und mit vergleichbarer Effizienz wie etwa Deutschland oder auch Japan industrialisieren können (die beiden Länder mit der grössten industriellen Produktivität seit der Wende zum 20. Jahrhundert), so wäre Russland wohl zur ultimativen Hyper-Macht aufgestiegen – nicht nur in Europa, sondern im Weltmaßstab und vermutlich auch in direktem Vergleich zu den USA. Und genau dies wäre beinahe geschehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Russland eine Konstitutionelle Monarchie war, wenn seiner damals beachtlichen wirtschaftlichen Entwicklung nicht der erste Weltkrieg sowie die bolschewistische Revolution einen fatalen Stock in die Speichen geworfen hätten.

Trotz der Altlasten aus der Zeit der Sowjetunion, seiner heute demographisch stark rückläufigen Entwicklung, sowie der derzeitigen harschen westlichen Wirtschaftssanktionen durch die USA und die EU, hat Russland aufgrund der sogenannten ‘Strassen- und Gürtelinitiative’ (Auch ‘Neue Seidenstraße’ genannt), die China 2013 lancierte, neue Aussichten auf Prosperität und Anschluss an die Spitze der führenden Weltmächte. Gemäß prospektiven makroökonomischen Daten wird Russlands Wirtschaft in den kommenden zwei Jahrzehnten merklich wachsen und somit auch im Jahre 2030 noch unter den Top-10 Volkswirtschaften verbleiben und von derzeit Platz 6 auf Platz 8 wechseln, während in Westeuropa nur noch Deutschland unter den Top-10 verbleiben wird und vom derzeitigen Platz 5 auf Platz 10 rutschen wird, gleich nach Japan, das vom 4. auf den 9. Platz sinken wird. In diesem Zusammenhang wäre interessanterweise noch zu erwähnen, dass die USA bis 2030 nicht nur von China, sondern auch durch Indien überrundet sein werden. Und selbst ein Land wie die Türkei wird vom derzeitigen 9. Platz auf Platz 5 avancieren und somit nach Indonesien aber vor Brasilien stehen, während zu diesem Phänomen nicht nur die Neue Seidenstraße, sondern eben auch die zentrale geostrategische Position des Landes im logistischen Scharnier zwischen Asien, Europa und Afrika beitragen werden. Im selben Sinne, und aufgrund der Ausweitung der Neuen Seidenstraße nach Westasien und Afrika wird selbst Ägypten vom bisher 21. auf den 7. Rang vorrücken; denn auch hier wird einmal mehr in der Geschichte die exklusive Rolle und geographische Position dieses Landes als Landbrücke zwischen Afrika und Eurasien zu einem wirtschaftlichen Comeback führen.

Der dritte Teil dieser Studie wird denn sein Augenmerk auf die strategischen Aspekte von Russlands politischer Geographie werfen, angefangen bei seinem ausgesprochenen Reichtum an Bodenschätzen, seiner einzigartigen Rolle als Landbrücke zwischen Europa und Asien, sowie den neuen geopolitischen Parametern, die in Eurasien u.a. mit der Neuen Seidenstraße entstanden sind.

Dies ist der zweite Teil eines dreiteiligen Gastbeitrags

Ein Kommentar zu “Politische Geographie: Fallstudie Russland (Teil 2)

  1. Auch dieser Teil der Fallstudie Russland ist sehr informatif ,trägt dazu bei ,Russland von seiner Mentalität und seinen politischen Handlungen her auf der internationalen Politbühne ,zu verstehen.
    Danke ,gut gelungen👏

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