Politische Geographie: Fallstudie Russland (Teil 3)

Professor Alexandre Lambert. Foto: OSZE


Zur Person: Prof. Dr. Alexandre Lambert ist Akademischer Direktor des Genfer Instituts für Geopolitische Studien (GIGS). Er unterrichtet Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Internationale Sicherheit an der Webster Universität, Genf sowie der Geneva School of Diplomacy and International Relations und leitet als Direktor ein US-Amerikanisches Study Abroad Institut zu Weltgesundheits- und Entwicklungsfragen in Genf (www.sit.edu/szh). Vormals war er ziviler Beamter im Schweizerischen Bundes-Department für Verteidigung und dessen Sicherheitspolitischer Abteilung und hat zur Gründung des Genfer Zentrums für die Demokratische Kontrolle der Streitkräfte (DCAF) beigetragen. Seit gut zwanzig Jahren berät er als unabhängiger Experte und Akademiker im Bereich Internationale Beziehungen, sowie Außen- und Geopolitik.

Teil 3: Strategische und Prospektive Aspekte von Russlands Politischer Geographie

In den ersten beiden Teilen gingen wir u.a. den spezifisch territorialen und demographischen Aspekten Russlands auf den Grund. Dieser abschließende Teil beleuchtet strategische Parameter sowie prospektive Aspekte von Russlands politischer Geographie. Diese sind wiederum zentral für das geopolitische und geo-ökonomische Verständnis Russlands, bzw. seinem wirtschaftlichen und politischen Verhältnis zu anderen Nationen, besonders was die Dynamik zwischen den Großmächten anbetrifft. Wie bereits im ersten Teil angesprochen, bilden dabei die natürlichen Rohstoffe eines Landes, bzw. seiner Fähigkeit, Rohstoff-Märkte direkt zu beeinflussen, einen der Eckpfeiler regionaler und globaler Machtpolitik. Bekanntlich spielt Russland eine sehr entscheidende Rolle insbesondere in den Bereichen der regionalen, aber auch globalen Energiepolitik, nicht nur im Bereich Rohöl, sondern zunehmend was das strategisch wichtiger werdende Erdgas anbelangt.

Aber auch weit über den top-strategischen Öl- und Gas-Komplex hinweg besitzt Russland einen einzigartigen Reichtum an natürlichen Bodenschätzen. Was beispielsweise seine Frischwasserreserven betrifft, so ist Russland gleich nach Brasilien die Nr. 2 der Welt, und was die Fläche seiner Waldgebiete anbetrifft (siehe weiter unten), ist es gar die Nr. 1 weltweit noch vor dem einen großen Anteil des Amazonas abdeckenden Brasilien. Auch besitzt Russland eine der weitläufigsten Agrarflächen weltweit, die sich aufgrund des Klimawandels weiter ausdehnt (siehe weiter unten). Sodann gibt es praktisch nichts, was man nicht auf dem Russischen Territorium finden würde. Jedenfalls kann es einem schon fast schwindlig werden, wenn man aus der Sicht eines geographisch ‘durchschnittlichen’ Landes die Diversität und Fülle von Russlands Rohstoffen betrachtet. Im zweiten Teil hatten wir bereits von allerlei Weltrekorden gesprochen, was Russland anbetrifft. Was hingegen gerade auch die Bodenschätze anbelangt, so hält Russland in praktisch allen Bereichen jeweils weit oben mit unter den ‘Top-Ten’.

Nicht nur weist Russlands Boden praktisch die gesamte Palette an strategischen Mineralien auf, und dies in Hülle und Fülle (Rohöl, Erdgas, Kohle, Uran, Platin, Gold, Silber, Aluminium, Magnesium, Chrom, Phosphat, Quecksilber, Eisen, Kupfer, Zink, Nickel, Blei, etc.); Russland besitzt ebenso riesige Mengen anderer wichtiger Rohstoffe wie Holz, Salz, Granit, Marmor, Sandstein, sowie Tabak, Tee, Zitrusfrüchte, Gemüse, Fleischproduktion, und ist weltweit drittgrößter Weizenproduzent und wird als prospektive ‘Kornkammer Asiens’ gehandelt, wo die Nachfrage nach Weizen stark ansteigt. Die beiden nachfolgenden Karten stellen denn Russlands ausgedehnte Waldflächen und Landwirtschaftszonen dar.

Karte: Russlands Waldflächen. Quelle: Semantic Scholar
Karte: Russlands Agrarland. Quelle: http://www.agroatlas.ru/en/content/Vegetation_maps/Arable/index.html

Was die aus der Sicht der Geo-Ökonomie und für den Welthandel wichtigen strategischen Mineralien anbetrifft, einschließlich seltener Metalle, die u.a. in der High-Tech-Industrie Verwendung finden, so besitzt Russland v.a. die größten natürlichen Erdgasreserven, und zwar in konventioneller Form als auch unkonventioneller Form, d.h. in fester Form oder in Form von Schiefergas (‘Shale gas’ auf Englisch). Dies ist umso bezeichnender, als gerade die Nachfrage nach Erdgas aufgrund des Ausstieges vieler Länder, insbesondere in Europa, aus Kohle- aber auch Nuklearenergie stark angestiegen ist. Die nachfolgende Darstellung zeigt die komparativen Erdgasvorkommen weltweit und die hier dominante Stellung Russlands.

Graphik: Vergleichende Konventionelle und Unkonventionelle Erdgas-Reserven. Quelle: Pinterest

Russland besitzt hingegen auch die zweitgrößten Kohlereserven, die im wirtschaftlich stark wachsenden Asien nach wie vor weite Anwendung findet als Energiespender. Zudem weist das Land die zweitgrößten Goldvorkommen auf und hat zusammen mit China und anderen BRICS-Staaten wie etwa Südafrika, das selbst die weltweit drittgrößten Goldreserven besitzt, begonnen, massiv Gold zu fördern, und arbeitet u.a. mit China daraufhin, eine auf einem Goldstandard beruhende neue internationale Geldwährung einzuführen, als Alternative zum stark inflationären Dollar. Russland hat ferner die viert-größten Uranvorkommen, ist fünft-größter Stahlproduzent, und besitzt die weltweit sechst-größten Rohölreserven.

Graphik: Weltweit grösste Ölreserven nach Ländern. Quelle: Statista

Und während wie oben angesprochen Russland weltweit die zweitgrößten Frischwasserreserven aufweist (nach Brasilien), umfasst sein Territorium vier der weltweit 14 längsten Flüsse (über 4000 km lang): Jenissei, Ob, Amur, und Lena (die Wolga und der Dnjepr in Europa noch gar nicht mitgerechnet!), und seine grösste Waldfläche der Erde ist fast doppelt so gross wie diejenige von Brasiliens Amazonasgebiet. Somit spielt das Land auch eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Weltklimas. Russland besitzt ferner mit dem Baikalsee, der nördlich der Mongolei liegt, auch das grösste und reinste Trinkwasserreservoir der Erde, dessen Oberfläche im Winter vollständig gefriert. Zwar gibt es andere Seen, die flächenmäßig grösser sind (wie z.B. der Viktoria-See in Ostafrika); jedoch aufgrund seiner sehr großen Tiefe von über 1600 Metern, ist sein massives Wasservolumen beinahe so gross wie sämtliche der großen Nordamerikanischen Seen zusammen, die sich entlang der US-Kanadischen Grenze erstrecken, obwohl deren kombinierte Fläche ungefähr zehn Mal größer ist als diejenige des Baikalsees! Der Baikalsee weist im Vergleich zu Deutschlands größtem See an der Schweizer Grenze, dem Bodensee, eine 60-mal größere Wasseroberfläche und ein 500-mal größeres Wasservolumen auf. Wenn man nun die kombinierten Trinkwasser-Reserven der BRICS-Staatengruppe zusammenrechnet, dann besitzt diese geopolitische Ländergruppierung eine strategisch beachtlichen Anteil der weltweiten Reserven; hierzu wäre lediglich beizufügen, dass ansonsten Grönland und Island die grössten Trinkwasserreserven pro Kopf ihrer jeweiligen Bevölkerungen aufweisen; diese sind jedoch mehrheitlich in Form von Gletschern gebunden, die im Übrigen aufgrund des Klimawandels schmelzen, womit der Löwenanteil des geschmolzenen Frischwassers in salziges Meerwasser überführt wird.

Entsprechend müsste Russland eigentlich klar das wohlhabendste Land der Welt sein. Dass es bislang nicht hierzu gekommen ist hat einerseits (geo-)politische Gründe wie der Umstand, dass Eurasiens grösste Kontinentalmacht Russland – wie im ersten Teil angesprochen – von Seemächten wie dem Britischen Imperium und den Vereinigten Staaten seit mindestens 200 Jahren erfolgreich eingedämmt wurde. Aber auch Russlands geographische Lage, sowie die oben erwähnten territorialen und v.a. klimatischen Eigenschaften des Landes haben dazu beigetragen, dass es das Land im internationalen Wettstreit um wirtschaftliche und politische Dominanz bisher nicht wirklich an die Spitze geschafft hat. Erstens verbietet das harsche Klima des Landes, dass sich Russlands Bevölkerung stetig und fast grenzenlos vergrößern konnte, z.B. im Maßstab von China oder Indien, die beide in verhältnismäßig moderateren Klimazonen liegen; auch lag es lange Zeit nicht im Fadenkreuz weltweiter Handelsrouten. Dies könnte sich hingegen mit Chinas Gürtel- und Straßeninitiative (‘Neue Seidenstraße’) sowie dem Klimawandel und den hiermit einhergehenden meteorologischen und vegetativen Veränderungen substantiell modifizieren. In diesem Zusammenhang wäre vorerst darauf hinzuweisen, dass Russland gleich bei zwei der bislang sechs Wirtschaftskorridoren der Neuen Seidenstraße eine zentrale geographische Rolle als Brückenkopf spielt, also sowohl beim China-Mongolei-Russland Korridor, als auch bei der Neuen Eurasischen Landbrücke, bei der u.a. ein 13000 km langes Eisenbahnnetz entsteht, das Hong Kong mit Lissabon verbindet, und seit 2015 jährlich 400 Güterzüge mit 30000 Containern über 8 Länder hinweg befördert (China, Russland, Belarus, Polen, Deutschland, Frankreich, Spanien, Portugal) und entlang dessen wiederum neue Industriezonen u.a. in Zentralasien sowie von Eurasiens ‘Herzland’ (Mackinder; siehe Teil 1) entstehen.

Karte: Die 6 Wirtschaftskorridore entlang der Neuen Seidenstrasse. Quelle: https://voxeu.org/article/how-belt-and-road-initiative-could-reduce-trade-costs

Zudem baut Russland mit internationalen Handelspartnern, einschließlich China, aber auch US-Alliierten wie Südkorea, die sogenannte Polar-Seidenstraße aus, was den Seeweg von Ostasien nach Europa im Prinzip um eine Woche verkürzt. Zwar ist diese Meeresstraße über die Wintermonate mehrheitlich vereist, jedoch erlauben es der Klimawandel und das damit einsetzende Schmelzen der Polkappe über einen grösseren Zeitraum im Jahresdurchschnitt, sowie eine neuen Generation nuklear betriebener Eisbrecher, dass selbst in den kälteren Jahresabschnitten diese neue ‘Polare Seidenstraße’ navigierbar wird.

Karte: Arktische Seidenstrasse. Quelle: https://risingtidefoundation.net/2019/10/17/india-and-other-asian-nations-join-the-polar-silk-road

Ebenfalls entsteht eine neue Nord-Süd-Achse, bei der in Zusammenarbeit mit Indien u.a. der sich an der Iranischen Küste zum Indischen Ozean befindliche Hafen Tschabahar ausgebaut wird, der insbesondere als Konkurrenz zu dem unweit entfernten Hafen Gwaddar im Pakistanischen Küstenabschnitt des Indischen Ozeans konzipiert ist, und da Gwaddar als strategischer Stützpunkt am Indischen Ozean innerhalb des China-Pakistan-Korridors der Neuen Seidenstraße den Nationalisten in Delhi ein Dorn im Auge ist. Beide Projekte weisen hingegen das gemeinsame Ziel auf, den für den Welthandel zentralen Indischen Ozean logistisch mit Eurasiens Kernland zu verknüpfen, hiermit zu einer wirtschaftlichen Diversifizierung des ‘Rimlandes’ (Spykman; Teil 1) beizutragen, und letztlich die beiden Anglo-Amerikanischen Seemächte, Großbritannien und die USA, deren Marine-Flotten den Indischen Ozean traditionell dominieren, geo-strategisch zurückzudrängen. Im Rahmen dieser kontinentalen Nord-Süd-Verbindung, die von Russland durch Zentralasien und Iran zum Indischen Ozean führt, entsteht jedenfalls eine neue kontinentale Handels- und Transportroute von «Sankt Petersburg nach Mumbai», die u.a. als Alternative und komplementär zur konventionellen Seestraße durch die Ostsee, die Strasse von Gibraltar sowie den Suezkanal dient – wichtige maritime Handelsrouten und strategische ‘hot-spots’, die wiederum von Britischen und amerikanischen geopolitischen und geo-ökonomischen Akteuren seit gut zwei hundert Jahren dominiert werden.
Wie angesprochen, könnte Russland territorial gar noch größer sein, wäre Alaska nicht im 19. Jahrhundert an die Vereinigten Staaten verkauft worden. Aber harte geographischen Faktoren lügen selten: auch ohne Alaska stellte es für Russland historisch eine große Herausforderung dar, sein riesiges und klimatisch komplexes Territorium zu verwalten, nicht nur wegen der enormen Distanzen, sondern u.a. auch was die erforderlichen finanziellen Mittel zur logistischen Organisation des immensen Territoriums anbetrifft. In diesem Sinne ist es denn häufig nützlich, Russland mit Kanada zu vergleichen, das nicht nur vergleichbare territoriale und demographische Dimensionen und klimatische Bedingungen aufweist, sondern zusammen mit Russland auch den Löwenanteil der direkten Angrenzung an das nördliche Polargebiet besitzt.

Einer der spezifischen Knackpunkte für Russland, der wiederum mit der geographischen Lage sowie den Jahresdurchschnittstemperaturen zusammenhängt, war immer schon der verhältnismäßig beschränkte Zugang der Russischen Handels- und Kriegsmarine zu warmen Meeresgewässern. Einer der Gründe des sowjetischen Einfalls in Afghanistan Ende der 1970er Jahre war der damit verbundene potentielle Zugang zum Indischen Ozean. Zwar profitiert heutzutage etwa der Marinestützpunkt im nordwestlichen Oblast Murmansk meteorologisch vom warmen Golfstrom; die dort etablierten Marinestützpunkte bleiben jedoch geographisch relativ marginal positioniert, um einen direkten geostrategischen Einfluss auszuüben, sowohl handelsmäßig als auch militärisch. Auch wurde dieser Stützpunkt erst während der 1930er Jahre aufgebaut, also zur Zeit der Sowjetunion. Selbst die an der Pazifischen Küste liegende Bucht von Wladiwostok bleibt mehrheitlich gefroren in den Wintermonaten, auch wenn aufgrund der relative starken Industrialisierung der umliegenden Regionen sowie des Klimawandels das Eis in der Bucht zurückweicht.

Was wiederum seine politische Geographie in Europa anbetrifft, so konnte Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion immerhin das in der Ostsee zwischen Polen und Litauen gelegene Territorium von Kaliningrad (Königsberg) behalten, was im Vergleich zum Hafen von Sankt Petersburg eben den Vorteil des eisfreien Hafens gewährt. Zudem garantiert eben gerade dieser strategisch Stützpunkt eine direkt Sicherheit von ‘Nord Stream’, der neuen maritimen Erdgas-Pipeline, die von Russland nach Deutschland führt, und die somit u.a. das Territorium der neuen NATO-Mitgliedsländer in Zentralosteuropa umgeht. Auch war historisch gesehen insbesondere der Marinestützpunkt in Sewastopol auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer für Russland schon immer von herausragender geo-strategischer Bedeutung, sowohl was die Handelsflotte, als auch die Kriegsmarine anbetrifft. Dabei spielte kürzlich die in Sewastopol stationierte Russischen Marineflotte, im Verbund mit dem Marinestützpunkt Tartus an Syriens Mittelmeerküste, wo die russische Marine bei ihrem Syrischen Alliierten im Mittleren Osten einen internationalen Stützpunkt betreibt, eine wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle bei internationalen Militäroperationen gegen den Islamischen Staat.

Gleichzeitig hing Russlands Zugang zum Mittelmeer, bzw. von dort zu den Weltmeeren immer schon von seinen bilateralen Beziehungen zur Türkei (und davor zum Osmanischen Reich) ab, die territorial die Meeresengen der Dardanellen und des Bosporus kontrolliert. Ironischerweise hat das NATO-Gründungsmitglied seine bilateralen Beziehungen zum nach-Sowjetischen Russland differenziert und betrachtet in seiner Militärdoktrin nach dem Ende des Kalten Krieges das heutige Russland nicht mehr als eine direkte militärische Bedrohung. Selbst in der derzeitigen regionalen Politik im Mittleren Osten und insbesondere im Syrischen Konflikt koordinieren die Türkei und Russland eng ihre Strategien. Auch in der sich dynamisch erweiternden regionalen Energie-Logistik, insbesondere was Öl- und Erdgas-Pipeline-Projekte anbelangt (siehe zum Beispiel ‘South Stream’ oder auch ‘Nabucco’), arbeitet die Türkei vermehrt mit Russland, aber auch mit China zusammen, da seine diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur EU (Beitritts-Engpass) und zu den USA (Politik im Mittleren Osten) zunehmend unter Druck geraten sind. Auch hatten wir im zweiten Teil auf die geostrategisch zentrale Lage des Türkischen Territoriums hingewiesen, das eine Scharnierfunktion ausübt und als logistischer Korridor dient zwischen Asien, Europa, und Afrika, im Rahmen dessen der Türkei eine neue Rolle in der internationalen Macht-Balance zwischen dem konventionellen westlichen (NATO/EU) und einem neu entstehenden östlichen Block zukommt, das von China in strategischer Partnerschaft mit Russland strukturiert ist, und zu dem auch neue geopolitische und geo-ökonomische Organisationen in Eurasien gehören.

Zu diesen neuen institutionellen Strukturen Eurasiens gehören u.a. die von China und Russland 2001 ins Leben gerufene Shanghai Cooperation Organization (SCO), die 2015 von China lancierte Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB), sowie die von Russland gegründete Eurasian Economic Union (EEU), die gewissermassen ein ‘östliches’ Pendant zur EU darstellt. Während man im Falle der SCO im Westen bereits schon von einem möglichen Rivalen der NATO spricht, wäre dem beizufügen, dass 2017 nicht nur Indien sondern gleich auch noch Pakistan der SCO beitraten, diese regionale Institution somit mit Abstand der territorial und demographisch grösste regionale politische Block weltweit darstellt. Und nicht nur steht der in der Geopolitik Eurasiens unumgängliche Iran kurz vor seinem eigenen Beitritt zur SCO, sondern geniesst selbst das NATO-Gründungsmitglied Türkei einen Status also Dialog-Partner, was wiederum seine zunehmend strategischen Beziehungen zu Russland und China widerspiegelt.

Karte: Mitglieds- und Beobachter-Staaten, sowie Dialog-Partner und Gaststaaten der Shanghai Cooperation Organisation. Quelle: Your Free Templates

Vor dreihundert Jahren hatte der Europa stark zugewandte Zar Peter der Große mit der Verlegung der Hauptstadt von Moskau nach dem neu entstanden St. Petersburg an der Europäischen Ostsee ein klares Zeichen gesetzt, das Russland nachhaltig zu einem Eckpfeiler der Europäischen Zivilisation hat werden lassen. Mit der nun von China lancierten Gürtel- und Straßeninitiative, zusammen mit der auf ein neues Niveau gehobenen geostrategischen Zusammenarbeit zwischen Russland und China seit deren Freundschaftsvertrag von 2001, sowie der von ihnen gegründeten SCO (sowie Chinas Eintritt in die Welthandelsorganisation) im selben Jahr, verändert sich Russlands politische Geographie rasant. Dabei entstehen im Rahmen der neuen strategischen Partnerschaft mit China u.a. neue gigantische Energie-Projekte in Sibirien. Dabei sticht das $400-Milliarden schwere neue Erdgas-Förderungsprojekt ‘Power of Siberia’ heraus, dass nachhaltig die Industrialisierung Ost-Sibiriens sowie eine verbesserte energie-logistische Verknüpfung von Ostasien mit Russlands Energievorkommen fördern wird.

Ein anderes potentiell bahnbrechendes Projekt stellt die Realisierung des Tunnel-Projekts unter der Beringstraße dar, zu dessen Realisierung die Russische Föderation kürzlich einen sechzig Milliarden Dollar schweren Fond zugesagt hat. Allerdings besteht derzeit noch keine vergleichbare Initiative zur entsprechenden logistischen Erschließung Alaskas auf nordamerikanischer Gegenseite. Falls sich dieses Jahrhundertprojekt jedoch realisieren sollte, zu dem es ferner auf beiden Seiten der Beringstraße historische Initiativen gibt, könnte es durchaus sein, dass Wladiwostok im Verlaufe des 21. Jahrhunderts zum ‘St.Petersburg des 21. Jahrhunderts’ aufsteigen wird, und zwar im Grade wie der Westen Russland politischen den Rücken kehrt und es so zwingt, sich vermehrt nach Asien auszurichten. Ironischerweise könnte dieser Prozess für Westeuropa sowohl geopolitisch also auch geoökonomisch fatale Folgen haben, es sei denn es besinnt sich auf seine historischen und kulturellen Wurzeln, zu denen wie im zweiten Teil angesprochen Russland einen bedeutenden Beitrag geleistet hat. Jedenfalls deutet alles darauf hin, dass sich im 21. Jahrhundert das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft, wenn nicht der internationalen Beziehungen insgesamt vom Atlantik nach Asien zurückverlegen wird, wo es über die weitesten Strecken der Zivilisationsgeschichte beheimatet war. Die entlang der Neuen Seidenstraße entstehende geographisch und logistisch integrierte Wirtschaftszone in Eurasien und darüber hinaus könnte bis Mitte des Jahrhunderts wesentlich zu einer neuen, Sino-Asiatischen Weltordnung beitragen, im Rahmen derer wiederum Russland eine zentrales Bindeglied im Pan-Eurasiatischen Komplex darstellen würde.

Fazit: es wäre in der Geschichte nicht das erste Mal, dass der politischen Geographie Russlands eine zentrale Rolle in der weltweiten geopolitischen und geo-ökonomischen Machtverteilung zukommt. Und vielleicht gerade trotz der Anglo-Amerikanischen Geostrategie der vergangenen 200 Jahre, deren Priorität auf Eurasien und der Eindämmung Russlands lag, könnte man in Zukunft in London einen Zug betreten, unter dem Ärmelkanal-Tunnel hindurch fahren, von Westeuropa nach Osten durch ganz Eurasien reisen, um an seinem östlichsten Zipfel unter der Bering-Strasse hindurch weiter über Alaska und Kanada mit der Eisenbahn quer durch Nordamerika weiterzubummeln, um schließlich in New York auszusteigen, also quasi entlang einer auf die gesamte Nördliche Hemisphäre ausgedehnte ‘Sibirischen Eisenbahn’, die die Weltkarte – wenn nicht sogar die bisherige Weltsicht! – sprichwörtlich auf den Kopf stellen würde! Dass es hingegen nicht bei den altmodischen ‘Orient’-Eisenbahnen bleibt, dafür sorgt derzeit China, das zum weltweit führenden Hersteller von Hochgeschwindigkeitszügen sowie Magnetschwebebahnen avanciert ist. Wenn man also von den Vorteilen einer ‘Welt-Landbrücke’ spricht (wie dies das Internationale Schiller-Institut prominent tut), was wiederum mit nichts anderem besser illustriert werden kann als mit einer logistischen Infrastrukturverbindung von Nordamerika nach Eurasien, dann ist auch diese letztlich undenkbar ohne den herausragenden Beitrag von Russlands politischer Geographie.

Karte: Tunnel-Projekt unter der Beringstrasse. Quelle: Pinterest

Dies ist der dritte und letzte Teil eines dreiteiligen Gastbeitrags

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5 Kommentare zu “Politische Geographie: Fallstudie Russland (Teil 3)

  1. Hervorragende ,klare
    Antworten ,warum 🇷🇺 Russland für die derzeitige Weltpolitik sehr wichtig ist und ,insbesondere warum Europa zu Russland gute Beziehung haben und diese mit der politischen Sensibilität stets aufbauen sollte
    Sehr gute Arbeit.Danke🚂🚂🚂

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  2. Hoffen wir dass die Experten im DEA das nicht nur lesen sondern eine entsprechende Politik daraus ableiten… Man darf träumen!

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