Interview mit Alexander Rahr (Teil 4)

Alexander Rahr (Foto privat)

Zur Person: Alexander Rahr, Jahrgang 1959, ist Osteuropa-Historiker, Unternehmensberater, Politologe und Publizist. Er arbeitete u.a. als Analytiker für Radio Liberty, die Rand Corporation und für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit Arbeitsschwerpunkt Russland, Ukraine, Belarus und Zentralasien. Rahr saß von 2004 bis 2015 im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs. Seit 2012 ist er Projektleiter des Deutsch-Russischen Forums. Er ist Mitglied des russischen Valdai Clubs und des ukrainischen Netzwerkes Yalta European Strategy (YES). Rahr ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und Ehrenprofessor der Moskauer Diplomatenschule und der Higher School of Economics in Moskau. 2019 erhielt Rahr den Freundschaftsorden der Russischen Föderation für sein Engagement für die deutsch-russischen Beziehungen.

Dies ist der vierte von vier Teilen eines Interviews:

Teil 4 – Russlands Status als „Energie-Supermacht“ ist am Ende

Sie behaupten, Russland sei als „Energie-Supermacht am Ende“. Wie kommen Sie zu diesem Urteil, und wie hat sich das Ihrer Ansicht nach entwickelt?

Russland hat sich – und ich selbst habe Bücher darüber geschrieben wie „Russland gibt Gas“ oder „Der kalte Freund“ – der Wiedererlangung der Weltmachtrolle verschrieben. Das ist im russischen Interesse. Es geht nicht um Bekriegen und um Aggression gegen andere Völker. Es ist das russische Selbstverständnis. Russland ist ein kompliziertes Land in einer komplizierten geostrategischen Lage. Es muss sich sowohl in Asien, als auch in Europa durchsetzen. Es muss sich auf globaler Ebene durchsetzen, und es muss sich gegenüber der islamischen Welt durchsetzen können. Man muss immer sehen, was Russland ist – es ist ja ein Kontinent für sich. Deshalb muss sich eigentlich – da bin ich überzeugt – Russland als Großmacht definieren. Es muss sich nur als attraktive Großmacht definieren. Nicht gegen andere, aber trotzdem als starker Staat mit starken nationalen Interessen. Das Interesse Russlands war – natürlich in einer Welt nach dem Kommunismus, nachdem Russland geschwächt aus dem Zusammenbruch der bipolaren Ordnung hervorging –, schnell wieder aufzusteigen. Die Mittel dazu waren natürlich die Energieexporte nach Asien und nach Europa – Rohstoffexport und Bodenschätze, was Russland ja in Massen hat und was Russland seit 500 Jahren auch tut. Russland hat dann mehr und mehr angefangen, sich als Energie-Großmacht zu definieren, sogar als Energie-Supermacht. Nur, was man in Russland unterschätzt hat, ist die Gegenreaktion des Westens darauf gewesen. Anders als die Chinesen oder die Asiaten, die diese Großmachtrolle Russlands angenommen haben, um mit Russland eben Politik- und Wirtschaftsbeziehungen aufnehmen zu können, hat der Westen – weniger Deutschland und Frankreich, aber die Vereinigten Staaten von Amerika und die Osteuropäer – gesagt, sie müssen sich von den russischen Energie- und Rohstofflieferungen absolut freimachen: ‚Wir wollen kein russisches Gas, wir wollen kein russisches Öl, wir wollen keine Zusammenarbeit mit Russland. Russland ist ein Rivale, gehört nicht nach Europa.‘ Es kamen geopolitische Rivalitäten ins Spiel. Man hat das alles noch vor 10 Jahren nicht so gesehen und nicht so ernst genommen. Russland hat weiter Öl, Gas und Kohle und andere Bodenschätze verkauft. Man hat nicht reagiert auf eine ganz wesentliche Veränderung auf dem europäischen Markt, die die Russen damals auch kalt erwischt hatte. Das war diese Liberalisierung des Marktes. Die ist irgendwie unlogisch, denn mit Russland, oder mit Norwegen, hat man immer gut zusammengearbeitet. Dann hat man sich als Europäer künstlich eingeengt. Man hat sich auf der anderen Seite tatsächlich neue Wege des Imports anderer Brennstoffe, vor allem Flüssiggas, für Europa gesichert. Eines ist verändert worden, damals vor 10 Jahren. Die Produzenten von Energie, die immer die Weltwirtschaft über ihre Ware dominiert haben, sind nämlich von den Konsumenten überholt worden. Die Konsumenten haben ein Kartell gegründet in der Europäischen Union, das davor nicht existiert hat. Diese halten zusammen gegen die Produzenten und wollen sie sogar dominieren, wollen ihre eigenen Regeln. Das hat die Europäische Union erreicht. Hier muss man sagen, hat Russland mitgespielt, hat verstanden, dass es keine andere Wahl hat, sonst hätte es den europäischen Markt verloren. So hat Russland mit diesen neuen Direktiven in der Europäischen Union eng zusammengearbeitet und viele Kompromisse geschlossen – auch in Bezug auf die Ukraine, in Bezug auf Osteuropa, ist mit den Preisen runtergegangen. Aber es hat sein Interesse an einer erweiterten Zusammenarbeit mit Europa gestärkt, indem es neue Infrastrukturprojekte wie die Pipelines von Nord Stream, aber auch die Turkish Stream, gebaut hat, um weiter mitzumachen, aber dann entlang der europäischen Regeln. Jetzt gehen die Europäer noch einen Schritt weiter in dem Versuch, sich nicht nur von Russland zu lösen, sondern von allen Energiequellen. Hier ist eine Revolution im Gange, eine Öko-Revolution, um zu versuchen, Europa völlig zu dekarbonisieren und umzustellen auf regenerative Energieerzeuger. Es ist sehr schwierig, wird sehr kostspielig, ist brandgefährlich, weil es natürlich sehr teuer sein wird. In Zeiten, wo Gas und Öl ja billig zu haben sind, wieso muss man dann das teure nehmen? Aber die Europäer, vor allem die großen europäischen Staaten, haben das aus politischen und wirtschaftlichen Gründen für sich so entschieden. Einer der wahren wirtschaftlichen Gründe liegt auch darin, dass ein Land wie Deutschland mit seiner Industrie tatsächlich eine Revolution plant und wegkommen will von den Abhängigkeiten von Energielieferanten hin zur Dominanz auf dem Weltmarkt mit einer neuen umweltverträglichen Technologie, die man hier entwickeln will – Stichwort Wasserstoffindustrie und Wasserstofftechnologie – die man dann sehr gewinnbringend in die ganze Welt verkaufen wird – mit den Windkraftanlagen, mit der Biomasseproduktion, mit Solarzellen, und alles Mögliche. Das ist heute die Realität. Eine solche Realität ist noch nicht gesichert – das sind nur Entwicklungen, die wir haben, es ist noch nichts fertig entwickelt. Es gibt genauso viele Argumente, die sagen, dass das alles viel zu teuer sein wird, die Europäer daran scheitern werden. Ich kenne auch Argumente, die sagen, die Anstrengungen in der EU werden zu groß und werden von den Bevölkerungen nicht mitgetragen. Das kann alles noch so kommen. Aber die Momentaufnahme ist die, dass Russland besser nicht von sich sagen sollte, dass es eine Energie-Supermacht ist, weil das sofort im Westen Gegenkräfte auslöst, die dann anfangen, Russland weiter zu bekämpfen und an seinem Status zu sägen.

Was ist Ihr Kommentar zu Amerika als Energie-Supermacht? Trump vermarktet die USA als das „neue Saudi-Arabien“. Aber die Produktion von Schiefer-Öl und Fracking-Gas ist deutlich teurer. Die amerikanischen Unternehmen brauchen einen hohen Marktpreis pro Barrel und stehen nach einigen Berichten vor einer Pleitewelle. Wie wirkt sich das aus?

Die Pleitewelle kann kommen, wenn Amerika so schwer getroffen sein wird von der Corona-Krise. In den letzten 10 Jahren ist Amerika zum größten Exporteur von Öl und Gas auf der ganzen Welt ausgestiegen. Im Prinzip hat Amerika die OPEC zerstört. Die OPEC braucht man nicht mehr, sie existiert nicht mehr, ist zahnlos. Deshalb ist es richtig, die Amerikaner sind zu einer Energie-Supermacht aufgestiegen. Aber die hatten ganz andere Möglichkeiten, die Mechanismen für diesen Aufstieg zu nutzen als ein Land wie Russland. Russland musste sich mit den Europäern in schwierigen Verhandlungen einigen und auf Kompromisse eingehen. Die Amerikaner sind an Kompromissen nicht interessiert. Sie befehlen. Sie sagen den Europäern, was sie tun haben, wie sie zu handeln haben, und erinnern sie daran, dass sie der Patron sind, dass sie der Chef sind im Ring, und dass die Europäer sich hüten müssen. Das ist eine ganz andere Sprache, ganz andere Politik, das ist ein ganz anderes Instrumentarium, das man für seine Interessen einsetzen kann.

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Ein Kommentar zu “Interview mit Alexander Rahr (Teil 4)

  1. Das Interview war sehr informativ. Vielen Dank Dafür. Ich habe es mehrfach gelesen. Das eine oder andere hätte ich gern hinterfragt bzw. diskutiert. Aber dafür ist ein Blog mit Kommentarfunktion nicht der geeignete Ort. Ich möchte etwas Grundsätzliches zu dem Interview anmerken.

    Heinz von Foerster, Kybernetiker und einer der Urväter der Kybernetik der 2. Ordnung, sagte einmal, dass es 2 verschiedene Typen von Fragen gibt. Entscheidbare und prinzipiell unentscheidbare. Entscheidbare Fragen sind eigentlich nur Fragen der Mathematik, unentscheidbare alle anderen. Das Charmante an prinzipiell unentscheidbaren Fragen ist, dass man weniger etwas über Sachinhalte erfährt, sondern vor allen Dingen etwas über denjenigen, den man fragt. Sie haben Herrn Rahr prinzipiell unentscheidbare Fragen gestellt. Warum ist unsere Welt so geworden, wie sie ist? – Wie ist sie denn? – Wie wird sie sich entwickeln? – Die Fragen waren so gestellt, dass Herr Rahr ganz viel von sich Preis geben konnte. Ich fand seine Antworten sehr sympathisch, nicht nur deswegen, weil ich mit der einen oder anderen Sichtweise übereinstimme, sondern weil er offenließ, dass man es auch anders sehen kann. Es wäre ein Segen, wenn die Mächtigen dieser Welt einen solchen Berater an ihrer Seite hätten.

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