Kommentar: US-„Falken“ gegen Trumps Truppenabzug wegen „russischer Aggression“

Luftwaffenstützpunkt Ramstein, Deutschland, am 17. September 2019. Foto von Patrick Evens / U.S. Air National Guard

Am 15. Juni bestätigte US-Präsident Donald Trump öffentlich, was bis vor kurzem lediglich ein Gerücht gewesen ist: die USA ziehen etwa 9,500 ihrer 34,500 Soldaten aus Deutschland ab. Trump sagte dies am Montag bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus. Damit hat Trump den NATO-Verteidigungsministern, die vom 16. – 18. Juni 2020 zu einer Videokonferenz zusammenkommen, neuen Gesprächsstoff geliefert. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte, es gäbe „keinen Beschluss darüber, wie und wann diese Entscheidung umgesetzt wird.“ Auch die Amerikanische NATO-Botschafterin Hutchison kannte „keinen Zeitplan“. Der deutsche Außenminister Maas wirkte nicht weniger überrascht, als er bekannt gab, er verfüge über „keine genaueren oder detaillierten Informationen darüber, wann wie wo was umgesetzt werden soll.“  Trump hat sich wiederholt darüber geärgert, dass die NATO-Mitglieder im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachgekommen sind. Nun sprach er deutliche Worte gegenüber den anwesenden Journalisten: „Deutschlands ist seit Jahren mit den Zahlungen im Rückstand und sie schulden NATO Milliarden von Dollar. Sie müssen zahlen. Wir schützen Deutschland und sie zahlen nicht. Das macht keinen Sinn.“ In einem Radiointerview räumte der Koordinator für transatlantische Zusammenarbeit der Bundesregierung, Peter Beyer, Spannungen im Verhältnis mit Washington ein. Die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland seien derzeit nicht die besten, so Beyer, der vermutet, das Ganze sei „gezielt über einen Artikel im Wall Street Journal geleakt“ worden. Ursprünglich hatte nämlich ein Artikel im Wall Street Journal vom 5. Juni die Debatte ausgelöst. Selbst Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte zu der Zeit auf mehrmalige Anfrage, dass man in Berlin keine Bestätigung für diesen Sachverhalt erhalten habe.

Fördert „russische Aggression“

In Deutschland, NATO-Mitglied seit 1955, befinden sich mehr als die Hälfte aller in Europa stationierten US-Soldaten. Der beabsichtigte Truppenabzug kommt nun als Reaktion auf wiederholte Streitigkeiten mit Deutschland über seine Verteidigungsausgaben und folgt auf die jüngste Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, nicht zu einem Treffen der G7 Gruppe in die Vereinigten Staaten zu reisen. In Warschau hofft man derweil, dass zumindest ein Teil der 9.500 US-Soldaten nach Polen verlegt wird. Der polnische Präsident Andrzej Duda sagte nach Angaben der polnischen Presseagentur PAP vor wenigen Tagen: „Die U.S.-Armee ist in Polen willkommen. Dies ist die größte und stärkste Armee der Welt.“ Für Duda sei die U.S.-Armee eine Sicherheitsgarantie gegen die angebliche „russische Bedrohung“. In Washington war bereits die Ankündigung des Abzugsplans bei republikanischen Mitgliedern des Armeeausschusses des Repräsentantenhauses auf heftigen Widerstand gestoßen. „Solche Schritte würden der nationalen Sicherheit der USA erheblich schaden und die Position Russlands zu unserem Nachteil stärken“, schrieb eine Gruppe von 22 republikanischen Abgeordneten in einem Brief an das Weiße Haus, berichtete die Military Times. „In Europa haben die von Russland ausgehenden Bedrohungen nicht abgenommen, und wir glauben, dass Anzeichen eines geschwächten Engagements der USA in der NATO die russische Aggression und den russischen Opportunismus weiter fördern werden,“ hieß es darin wortwörtlich.

Die Sprecherin des Außenministeriums der Russischen Föderation, Maria Sacharowa, begrüßte bei ihrem wöchentlichen Briefing am 11. Juni jedoch die Aussicht auf eine Verringerung der Zahl der US-Truppen in Deutschland. „Von unserer Seite würden wir jeden Schritt Washingtons begrüßen, seine militärische Präsenz in Europa wirklich zu reduzieren. Solche Schritte würden zweifellos dazu beitragen, das Konfrontationspotential und die militärisch-politischen Spannungen in der euro-atlantischen Region zu verringern“, sagte sie. Sie merkte jedoch an, dass auf Ankündigungen aus Washington über Truppenabzüge nicht immer Taten folgen. Sacharowa warnte auch davor, dass die Verlegung der Truppen von Deutschland nach Polen die Beziehungen zwischen der NATO und Russland weiter komplizieren würde.

Kostet Blut und Geld

Die Amerikanische Pro-NATO-Fraktion hat sich von der geopolitischen Sicht auch nach der Auflösung der Sowjetunion nicht wirklich getrennt. In ihrer Weltsicht dient auch das wiedervereinigte Deutschland als Frontlinie. Deutschland beherbergt auch wichtige Militärkrankenhäuser und Ausbildungseinrichtungen, die andere militärische Aktivitäten der Vereinigten Staaten weltweit ermöglichen. Die dringendste militärische Aufgabe der NATO sehen diese Kreise in der „Verteidigung ihrer Ostflanke“, insbesondere der baltischen Staaten, hieß es beispielsweise jüngst in einem Meinungsartikel in der Washington Post. In ihrer Lesart der strategischen Lage unterstellen sie Russland aggressive Absichten, im Baltikum „Territorium zu erobern, bevor das [NATO-]Bündnis eintreffen und es verteidigen kann.“ Es klingt wie aus einem Drehbuch aus dem Kalten Krieg, wenn es in dem Artikel weiter heißt: „Je nachdem, wohin die Truppen entsandt werden, könnte der Rückzug in Deutschland die Verteidigungsbereitschaft der NATO verringern, wodurch die Bedingungen für einen russischen Vorstoß günstiger würden – er hilft aber auch der nationalen Strategie Russlands, den Zusammenhalt der NATO zu untergraben. Wenn der russische Präsident Wladimir Putin versucht, sich Land anzueignen, und die Vereinigten Staaten später in einen Konflikt oder eine Krise hineingezogen werden, werden die Kosten der Vereinigten Staaten – sowohl in Form von Blut als auch in Form von Finanzmitteln – weit höher sein als der Preis dafür, dass die NATO einen solchen Konflikt verhindern kann.“ Die Autorin ist Mira Rapp-Hooper vom Council on Foreign Relations, einer der einflussreichsten Denkfabriken für die US-Außenpolitik.

Die Kluft zwischen Präsident Trump und der Fraktion der „Kriegsfalken“ ist sinnbildlich für die seit langem bestehenden Spannungen zwischen beiden Seiten. Trump beklagte sich mit kürzlich in einem Interview mit wachsender Frustration darüber, dass „der militärisch-industrielle Komplex unglaublich mächtig ist“. Er wies auch die Idee zurück, dass sich Amerika weiterhin im Nahen Osten engagieren sollte: „Warum sollten wir unsere Leute die Grenze zwischen der Türkei und Syrien bewachen lassen? Uns ist scheißegal, was da passiert. Es ist ihre Sache.“ Es war auch nicht die Pentagon-Führung, die diese Pläne mit Trump besprochen hatte, sondern der nationale Sicherheitsberater Robert O’Brien. Trump schien, wie es seine Neigung ist, wieder einmal die formelle Befehlskette zu ignorieren. Gemäßigtere Beaobachter äußern sich dahingehend, dass ein breiterer Truppenabzug, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Afghanistan, Trump ermöglichen würde, sein ursprüngliches Wahlversprechen einzulösen, dass es Zeit für Amerika sei, „nach Hause zu kommen“.

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